Jahrgang 
1912
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V. Einige Worte an die Eltern und Pfleger unserer Schüler.

Die Eltern und Pfleger unserer Schüler sind nach wie vor gebeten, die häusliche Lernarbeit, soviel es eben im Drange des hastenden Lebens nur möglich ist, zu überwachen und ebenso auf alles zu achten, was sich auf die religiös-sittliche Bildung der jungen Leute bezieht. In beiden Richtungen arbeitet auch die Schule. Sie hat nicht nur die Aufgabe zu unterrichten im engeren Sinne des Wortes, d. h. den Schülern Kenntnisse zu übermitteln, sondern es ist auch ihr Beruf, sich wesentlich zu betätigen an der Erziehung der Jugend zu äusserer Ordnung Dund Wohlanständigkeit und innerer sittlichkeit. Darin müssen Schule und Haus Hand in Hand gehen. Wenn ein Kind, das im schulpflichtigen Alter der untersten Vor- schulklasse übergeben wird, nicht bereits von den Eltern an Gehorsam und Wahrheitsliebe gewöhnt ist, dann fehlt die erste und unerlässlichste Bedingung für seine Brauchbarkeit in der Schule. Oder wenn die Verhältnisse im Eltern- haus bedauerlicherweise dermassen auf den Kopf gestellt sind, dass nicht Vater und Mutter das entscheidende Wort sprechen, sondern der verwöhnfe Sohn, den es nach schrankenlosem Sichausleben gelüstet, dann fehlt bei ihm der so nötige Süssteig der Lauterkeit und Wahrheit auch in der Schule. Die Warnungea des Lehrers, die Lebens- weisheit der Klassiker, alles wird in den Wind geschlagen, bis herbe Enttäuschungen leider zu späb die Augen öffnen. Darum sei der Jugend ans Herz gelegt, dass der nicht auf eine höhere Lehr- und Bildungsanstalt gehört, der nicht gehorchen und nicht entbehren kann und nicht lernen will, sich selbst in der Gewalt zu behalten und qas schönste Ziel in der Selbstzucht und im Bildungsfortschritt zu suchen.

viel wissen und können ist menschenwürdig und erstrebenswert, sittlich gutsein in wahrer Herzensgüte tut aber vor allem not; beides zusammen und noch verbundenmit körperlicher Gesundheit, Gewandtheit und Liebenswürdigkeit ist die Krone des jugendlichen Lebens.

Alle, denen es Herzenssache ist, zu lehren und zu erziehen, und das sind doch die Lehrer, die sich ihren Beruf selbst erkeren haben, in erster Linie, werden die Angehörigen der Schüler bei der schweren Erziehungsarbeit jederzeit gern unterstützen. Die Lehrer werden durch die ganze Art des Entgegenkommens ihre Überzeugung zum Ausdruck bringen, dass das gegenseitige Vertrauen es ist, was Schüler und Lehrer, Haus und Schule zusammenhält und Einfluss auf die Jugend verbürgt.

In der Schule ist gewöhnlich altes besser gemeint, als es draussen aufgefasst wird. Das zeigt sich bei jeder Besprechuug. Darum fallen Besuche und Erkundigungen niemals lästig, wie vielfach angenommen wird, sondern sie werden als willkommene Beweéise des Vertrauens aufs dankbarste empfunden. Und den Wert dieser Bereitwilligkeit der Lehrer müssen, so darf man wohl annehmen, anderseits die Eltern gern anerkennen. Sie mögen bedenken, dass es auch falsche Propheten gibt. Es wird ja viel gesprochen über Schule und alles, was mit ihr zusammenhängt, von Berufenen und Unberufenen, in der Familie, am Stammtisch, im Klub, im Par'ament und an Vereinsabenden, wo mitunter von entgleisten Vertretern, die sich zu Wortkünstlern ausgebildet haben, in auffrisierter Modeform berückende und verheissungsvolle Vorträge gehalten werden, die allen Mühseligen und Beladenen Balsam auf die Wunden träufeln. Am besten aber geht man immer noch zu denjenigen, die sich

qurch berufsmässiges Studium und vie'seitige Erfahrung Sachkenntnis erworben haben, und die in einem unan- gekränkelten, klar umschriebenen Verhältnis zu allen Fragen stehen, um die es sich handelt. Und das sind und bleiben die Lehrer, denn sie sind die Fachleute. Schon der weisse Sokrates sagte seinen qurch die Sophistik irregeleiteten Mitbürgern, wenn jemand einen Mantel brauche, dann müsse er zum Schneider gehen; wenn er aber errahren wolle, was gut und bös sei, dann solle er die echten Philosophen fragen, die nicht für Geld und nicht nach Gunst lehrten.

Derselbe Denker spricht auch einmal im Dialog Gorgias von dem wahren Arst, dem es freilich schlecht ergehe, wenn ein Zuckerbäcker ihn anklage vor Richtern, die aus lauter Kindern beständen Da könne der Ar⸗t, der den Kindern früher bittere, aber heilsame Arzneien verordnet habe, vor dem Zuckerbäcker, der stets Leckereien gereicht, nicht bestehen.

Die Lehrer sind die Arzte, die heilen wollen und können; die Nebensprecher sind die Zuckerbäcker, die verwöhnen und verweichlichen. Mag sein, dass der Rat des Lehrets im ersten Augenblick nicht wohltut, aber er ist jedenfalls der zweckmässigste, zuverlässigste und gediegenste. Bei Besuchen können in ruhiger Aussprache näher und ferner liegende Fragen erörtert werden. Unter vier Augen schüttet man eher sein Herz aus, beseitigt Missverständnisse und Vorurteile, gewinnt klarere Anschauungen und richtigere Vorstellungen. Beide Teile lernen. Hier vollzieht sich das gegenseitige Kennenlernen und Verstehen viel besser als auf den sog. Elternabenden. Die breite öffentlichkeit widerstrebt bei vielen der gründlichen Entfaltung des Herzens. Das Wort öffentlich zu ergreifen, ist auch nicht jedermanns Sache. Und beinahe jeder Fall ist ja anders geartet. Die Psychologie der Elternbesuche ist in der Tat ein besonders wichtiges und interessantes Kapitel der

praktischen Pädagogik.