Jahrgang 
1912
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Indes ungewöhnlich reich wird der Inhalt seines Lebens, wenn wir die Bedeutung des Menschen Weihrich ins Auge fassen Eine ausgiebige Schilderung seiner Persöplichkeit kann ich deswegen hier nicht entwerfen, ich muss mich auf einzelne Hauptzüge seines Charakterbildes beschränken.

Der Verewigte besass eine scharfe Urteilskraft und einen hellen, durchdringenden Verstand; aber noch um- fangreichere Kreise fesselte er durch sein goldenes Herz. Er war eine lautere und reine Seele, ohne Falsch, voll Zartgefühl und von seltener Gemütstiefe. Wo seine Pflichttreue stand, fehlte auch die herzgewinnende Güte nicht; der männliche Ernst war von kindlicher Heiterkeit besonnet. Auch für den feineren studentischen Prohsinn hatte er noch in seinem Alter viel übrig und hat so die schönen Worte Victor Scheffels an sich erfüllt: Wers kann, der bleib' im Herzen zeitlebens ein Student. Der Dahingeschiedene war in Wahrheit ein liebenswürdiger Charakter.

Nicht minder beachtenswert war er als Gelehrter. Zu einer hervorragenden Begabung gesellte sich ein aussergewöhnlicher Fleiss. Sein Wissen war gediegen, weil sein wissenschaftliches Verfahren es war. Aber nicht als Fachgelehrter allein durften wir ihn ansprechen. Seine universellen Kenntnisse waren erstaunlich. Er verstand die Kunst, von jedem und bei jeder Gelegenheit zu lernen. Und wer die Formen genau beobachtete, unter denen er geistige Entwürfe in die Tat umsetzte, der musste bald herausgefunden haben, dass der Kern seines Wesens beschwingt war von der Kunst. Schon deswegen kann er keine trockene Natur gewesen sein, wie er denn auch die Würze des feinen Humors niemals verschmähte.

Bei all seinem Wissen gefiel es ihm, im höchsten Grad einfach und anspruchslos zu sein. Von Natur aus bescheiden und stets dem Gediegenen zugetan, konnte er das erregte und lärmende Treiben, wodurch gerade die hohle Mittelmässigkeit sich oft an den Laden legt, nicht leiden. Jeder Streberei war er abhold.

Was sein Kulturideal anbelangt, so bildeten die Antike, das Christentum und die Errungenschaften des modernen Geistes mit angemessener Bewertung der naturwissenschaftlichen Ergebnisse die Hauptstützen.

Sein amtliches Wirken trug durchaus das Gepräge seiner Persönlichkeit.

Als Pädagog hat er einen objektiv sittlichen Massstab mit aller Entschiedenheit anerkannt. Und mochte er den unvermeidlichen Fehlern und Verirrungen der Jugend gegenüber den weinenden Philosophen spielen oder den lachenden: jede unsachliche, krankhafte Schwäche der Auffassung vermied er. Gut und Bös, Sünde und Schuld waren ihm ernst zu nehmende, lebenswahre Begriffe; aber mit Recht gab er als gereifter Schulmann der Heil- pädagogik den Vorzug vor der Strafpädagogik.

Stets auf das Praktische gerichtet, war er allen methodischen Künsteleien abgeneigt und hasste die päda- gogische Phrase. Ihn leitete der Grundsatz: Nicht Worte tun es, sondern Leistungen.

Als Schuldirektor war er seinem Lehrerkollegium gegenüber frei von jedem Vorurteil. Selber voll Offenheit, konnte er stets offener Aussprache gewärtig sein. Für seine Mitarbeiter war er mehr Freund und Be- rater, für die Schüler mehr Vater als Verwaltungsbeamter Wo aber ungebührliche Ansprüche erhoben wurden, sei es von Eltern, Lehrern oder Schülern, da griff er mit allem Nachdruck durch. Die schwierige Befugnis eines

Schuldirektors, welcher Vertreter der Schule ist als staatlicher Einrichtung, zugleich aber auch Anwalt der Lehrer, Eltern und Schüler im Falle einer Unstimmigkeit untereinander, hat er mit hoher Weisheit und Besonnenheit ausgeübt..

Noch darf ich eine Tatsache erwähnen, die dem Dahingeschiedenen in seiner Stellung als Direktor ausser-

ordentlich zustatten kam. Er gehörte zu den Männern, die es früher viel gegeben, deren Zahl aber immer geringer wird. Ich meine diejenigen, welche für beide Richtungen in der Jugendbildung, für die humanistische und für die realistische, weitgehendes Verständnis und empfängliche Liebe in einem Kopf und einer Brust vereinigten. Wie- wohl von Haus Vertreter der Mathematik und Naturwissenschaft, konnte er der Bedeutung der humanistischen

Studien und ihrer Methoden vollauf gerecht werden.

Von der irdischen Hülle eines solchen Mannes nehmen wir jetzt Abschied. Die treue Erinnerung an das, was er uns gewesen, bleibt bei uns. Sein Name wird nicht vergessen werden. Vixit, Vivit, vivet.

Ihm, der auf Höhe der Wissenschaft stand auf den verschiedensten Gebieten, der ein treuergebener Diener seines Landesfürsten war, der sich als tatkräftiger Förderer aller patriotischen Bestrebungen erwies, ihm, der mit. warmem Herzen bemüht war, wo er konnte, Not zu lindern und Wunden zu heilen, der niemals jemandem ab- sichtlich Unrecht zugefügt, der auch die leiseste Kränkung und Beleidigung für Todsünde hielt, ihm, dem fein- sinnigen Beobachter der Natur in allen ihren Erscheinungen, dem vüäterlichen Freund der Schüler, dem erleuchteten, opferbereiten Führer seiner Berufsgenossen, dem Manne, dem es ein goldenes Bemühen dünkte, alle feinen und edlen Empfindungen und Anmutungen bei der Jugend zu wecken und zu pflegen, dem treuen Freund der Freunde lege ich den wohlverdienten Ehrenkranz auf das Grab mit dem Gebet:Herr, Gott, lass ihn ruhen sanft in seligem Frieden! Aye, pia anima!