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mässig nur sehr kleine Anzahl von Schülern nimmt an dem wahlfreien Zeichenunterricht von Untersekunda an teil. Und doch ist das Zeichnen ein in hohem Grade schätzens- werter Unterrichtsgegenstand. Seine auf Gymnasien herkömmliche Geringschätzung ist tief zu beklagen und muss nach und nach einer anderen Bewertung weichen. Dazu bedarf es der werktätigen Mithilfe der Eltern; an sie möchten wir daher das Ersuchen richten, ihre Söhne zur Teilnahme am wahlfreien Zeichenunterricht zu veranlassen.
Das Gymnasium erstrebt die gleichmässige Ausbildung sämtlicher Kräfte des jungen Mannes. Neben dem Wissen hat auch das Können seine besondere Berechtigung. Im Zeichnen und Malen findet das technische Können einen sehr geeigneten Boden der Be- tätigung. Auch sonst greift ein wohlgeordneter Zeichenunterricht ergänzend und helfend in das Erziehungswerk ein, und zwar weit mehr, als man gemeiniglich anzunehmen geneigt ist.
Beispielsweise ist es jedem Lehrer bekannt, wie schwer es hält, bei der Lektüre die Schüler dazu zu bringen, dass sie ordentlich die Augen öffnen und sehen, was der Text eigent- lich biete. Erst wenn sein Wortlaut fest ins Auge gefasst ist, kann er richtig verstanden, gedeutet und übersetzt werden. Hier muss das richtige Sehen die Flatterhaftigkeit und Oberflächlichkeit verscheuchen helfen. Was in der Philologie und Geschichtswissenschaft die Texte und sonstigen Urkunden sind, sind in der Naturwissenschaft die Tatsachen. Der Schüler muss lernen, sie zu sehen, um sie verstehen zu können.
Dieses richtige Sehen, das sich als unentbehrliche Bedingung des Lernens und Studierens darstellt, ist aber nicht etwas, was der Schüler ohne weiteres mitbringt und besitzt; es ist vielmehr eine Kunst, die erst durch dauernde Ubung anerzogen sein will. Gerade hierin leistet der Zeichenunterricht vortreffliche Dienste. Er arbeitet dem Unter- richt in den sprachlichen und den mathematisch-naturwissenschaftlichen Fächern sehr in die Hand, schon aus dem allgemeinen Grunde, weil er viel dazu beiträgt, den Wirk- lichkeitssinn des Schülers zu entwickeln.
Abgesehen zunächst von dem Gedächtniszeichen, das den natürlichen Anschluss des Schulzeichnens an das kindliche Zeichnen des nicht schulpflichtigen Alters bildet, ist es der Zeichenunterricht in erster Linie, der das bewusste Sehen ausbilden soll. Der Knabe soll zuerst richtig und später auch künstlerisch sehen lernen. Wer Gesehenes mit der Hand übereinstimmend wiedergeben will, muss richtig gesehen haben. Und welche Befriedigung wird erst in dem jugendlichen Herzen hervorgerufen, wenn es auch nur entfernt zu fühlen anfängt, was es heisst, die Dinge der Erscheinungswelt mit den Augen des Künstlers ansehen zu können. Goethe spricht begeistert von seinem„Bisschen Zeichnen“, das ihm das Tor auch in das Bereich allgemeiner Begriffe und höherer An- schauungen geöffnet habe.
Eben weil der wahlfreie Unterricht im Zeichnen von den Schülern des Gymnasiums nicht gebührend gewürdigt wird, verlangt unsere obere Schulbehörde(Ausschreiben vom 30. I. 1908),„dass von den maßgebenden Stellen eine kräftige Anregung ausgehe, und dass den reiferen Schülern der hohe ideelle und nicht minder der praktische Wert zeichnerischer Fertigkeit zu lebendigem Bewusstsein gebracht und namentlich auch das Vorurteil genommen werde, dass der wahlfreie Unterricht im Zeichnen nur für junge Leute von besonderer Begabung bestimmt sei und Nutzen bringe. Ubung des Auges und der Hand, Entwickelung und Läuterung des künstlerischen Geschmacks sind bei geeigneter Anleitung in gewissem Maße auch denen erreichbar, deren Begabung zu


