Jahrgang 
1910
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V. Mitteilungen an die Eltern und Pfleger unserer Schüler.

Auch in diesem Jahresbericht gestatten wir uns, die Eltern und Pfleger unserer Schüler dringend zu bitten, auf die stillen Freunde ihrer Kinder, die Bücher und Schriftchen, die sie in der Erholungszeit lesen, ein wachsames Auge zu haben. Denken wir an Herder, der mit Recht sagt:Ein Buch hat oft einen Menschen auf seine ganze Lebenszeit ge- bildet oder verdorben. Eine erfreuliche, kräftige Bewegung, würdig der Teilnahme der Besten aus allen Volksschichten, geht durch die deutschen Gaue, das Unreine in Wort und Bild von der Jugend fernzuhalten. Die Erkenntnis, dass Gefahr im Verzuge sei und dass schon lange etwas zur Abwehr hätte geschehen müssen, wächst von Tag zu Tag.

Bei der Jugend selbst aber reicht das einseitige Verbieten und Versagen nicht aus; im Gegenteil, es lockt und reizt vielfach, die verbotene Frucht zu geniessen. Mit- hin wird es sich empfehlen, an die Stelle des Verwerflichen ein Besseres zu setzen, das geeignet ist, eine stärkere Anziehungskraft auszuüben. Die Hauptsache dabei ist die Bildung des Geschmacks, der nur am Reinen und Edlen Freude und Lust findet. Die Empfänglichkeit für das Gute und Ideale, die ästhetische Genussfreudigkeit und die un- geteilte Liebe zum Schönen wird gerade durch eine nach Inhalt und Form gediegene Lektüre in hohem Matze erregt und in ihrer Weiterbildung gefördert.

Wenn die eine Hand die schlechte Quelle verschliesst, muss also die andere den lauteren Born guter Lektüre öffnen und in möglichst reichem Strome fliessen lassen. Es wird demnach nötig sein, für eine sorgfältig ausgesuchte, lebenswahre, teils ernst gehaltene, teils aufheiternd und belustigend wirkende Hausbücherei zu sorgen.

Schafft gute Bücher in das Haus, Sie strömen reichen Segen aus Und wirken als ein Segenshort Auf Kinder und auf Enkel fort!

Stillvergnügt wird sich dann der Knabe in einer Ecke allein seinem Liebling über- lassen, andächtig wird er aber auch zuhören, wenn im traulichen Familienkreis unter gemeinsamer Teilnahme vorgelesen wird. Hier offenbart sich am stärksten der mächtige Zauber der Häuslichkeit und schlägt im fruchtbaren Boden des Familiensinns jene starken Wurzeln, die für das ganze Leben triebkräftig bleiben. Berthold Auerbach sagt in seinen Volksbüchern:Gesegnet sei das Haus und die Stunde, da es der Familie gegönnt ist, ehrlich Gemeintes und schön Gebildetes gemeinsam in die Seele zu nehmen.So wird das Haus, wie wir von einem anderen gemütvollen Erzähler, von Hansjakob, ergänzend anführen wollen,zum Heiligtum, auf dessen Boden das Kinderherz die seligsten Stunden lebt und träumt.

Wenn für die Jugend im Schosse der Familie in dem angedeuteten Sinne gesorgt wird, dann kann man sicher sein. dass auch die nebenhergehende Anleitung durch die Schule von dem erwarteten Erfolg gekrönt sein wird.

Wir benutzen ferner die Gelegenheit dazu, die Aufmerksamkeit der Eltern auf einen Unterrichtsgegenstand zu lenken, dessen Pflege von den Schülern des Gymnasiums mit Unrecht vernachlässigt wird. Es ist der wahlfreie Unterricht im Zeichnen. Pflichtfach ist das Zeichnen in unserer Schule nur bis Obertertia einschliesslich. Eine verhältnis-