Jahrgang 
1909
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Ungemein wichtig ist nach dem Urteil aller Sachverständigen die Hygiene des Schlafes, weil nur in ihm sich die verbrauchte Gehirnkraft wieder ersetzt. Besonders die Jugend braucht ausgiebigen und ungekürzten Schlaf. Mögen die Eltern und Pfleger mit allem Nachdruck dahin wirken, dass der Schlaf der Söhne nicht durch Hingabe an verfrühte Vergnügungen oder durch ungehörige Ausdehnung der erlaubten Zerstreuungen, ferner durch die Genussgifte des Alkohols und des Nikotins(die Zigarette ist noch gefährlicher als die Zigarre) oder gar durch das ge- wohnheitsmässige, durchaus verwerfliche Lesen im Bett beeinträchtigt werde.

Auch gibt sich die Schule der Hoffnung hin, dass die Eltern mit der Erlaubnis zum Besuch des Theaters ein besonnenes Mass nicht überschreiten und in der Auswahl der Stücke nach erziehlichen Grundsätzen verfahren. Nur Darbietungen, die einen veredelnden und bildenden Wert für die Jugend haben, sollten in Betracht kommen. Ihr Besuch wird von unserer Seite sogar angelegentlich empfohlen, wie wir denn der gegenwärtigen Theaterdirektion für Einführung von Schülervorstellungen klassischer Stücke zu kleinen Preisen zu Dank verpflichtet sind. Den Besuch untergeordneter Institute, wo die Reizung der Sinnlichkeit vorwiegend die Anziehungskraft bildet, muss die Schule aus erziehlichen Gründen verbieten.

Alljährlich werden unsere abgehenden Schüler über die sittlichen und gesundheitlichen Ge- fahren geschlechtlicher Ausschweifungen und übermässigen Alkoholgenusses in besonderen Vorträgen von fachmännischer Seite aufgeklärt; und das mit Recht. Aber diese belehrenden Worte können keinen fruchtbaren Boden finden, wenn nicht eine planmässige Erziehung des Willens zur Selbst- beherrschung und Enthaltsamkeit in jahrelanger Ubung vorausgegangen ist. Die Forderungen der Ethik stimmen mit denen der Göttin Hygiea überein.

Möchten doch ferner alle Eltern mit uns darin eines Sinnes sein, dass bei den Schülern der höheren Lehranstalten in Deutschland an Stelle der Neigung zur Nachäffung des studentischen Kneipens und der verfrühten und unzweckmässigen Vergnügungen das Turnen, das Rudern und das Bewegungsspiel treten müsse. Wer die auf die körperliche Ertüchtigung abzielenden Be- strebungen mit aller Kraft unterstützt, erwirbt sich ein Verdienst um das Vaterland im besten Sinne des Wortes. Immer und immer muss man der Jugend von heute zurufen: Turnet und be- weget euch im Spiel, wo und wann es Raum und Zeit irgendwie gestatten, aber ohne Kraftmeierei, denn diese schadet nur! Wie viel lässt sich auch bei beschränkten Vernältnissen mit wenig Mitteln ausführen! Die zwei Stunden Turnen wöchentlich in der Schule sind nicht ausreichend; aber genug Anleitung und Anregung geben sie schon. Auf folgende Schriften sei noch besonders auf- merksam gemacht: Leo Burgerstein, Gesundheitsregeln für Schüler und Schülerinnen aller Lehr- anstalten und Zur häuslichen Gesundheitspflege der Schuljugend, Bemerkungen für die Eltern und Pfleger von Kostzöglingen, Leipzig, Teubner, je 10 Pfg. Unseren abgehenden Primanern sei bestens empfohlen: E. v. Schenkendorff und J. Heinrich Ratgeber zur Pflege der karperlichen Spiele an den deutschen Hochschulen, Leipzig, Teubner, 0.80 Mk.

Es sei gestattet, auch auf folgende wenig empfehlenswerte Gepflogenbeit hinzuweisen. Gar manche Eltern versehen ihre Kinder aus falscher Liebe so reichlich mit Taschengeld, dass diese sich kaum einen Wunsch zu versagen brauchen. Nachweisbar hat diese schwächliche Willfahrigkeit schon zu betrübenden Folgen geführt. Um den Verwaltungssinn allmählich anzuerziehen, kann man den Kindern wohl etwas Taschengeld überlassen, man gebe aber nicht zuviel und prüfe den Verbrauch genau nach.

Sehr wichtig ist die richtige Abwechslung zwischen Arbeit und Erholung, wozu eine bestimmte Tagesordnung und Arbeitseinteilung gehört. Ganz verkehrt ist es, dem Jungen