Jahrgang 
1909
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Wir müssen ferner die Eltern und alle, die es mit der Jugend gut meinen, zum Kampfe auffordern gegen einen der gefährlichsten Feinde, die die Jugend heute hat: es ist die in betrübendem Masse sich mehrende Schundliteratur. Mag sein, dass bei manchen erwachsenen Schülern die unverdaute Lektüre neuerer Philosophen und Romanschriftsteller eine verhängnisvolle Rolle spielt, in jedem Fall verderblich ist die Wirkung der Schundliteratur auf die Geister in den unteren und mittleren Klassen. Grauenhaft ist das Titelbild, grauenhaft der Text. In schlauer und boshafter Berechnung hat man es auf die Reizung an sich gesunder und berechtigter Triebe in unseren Kindern abgesehen, wie Tatendrang und Unternehmungslust. Aber diese Triebe werden in falsche Bahnen gelenkt: Vorstellungskraft und Nerven der Kinder werden überreizt, ihr Sinn für Wahrheit und Wirklichkeit zerstört, ihr Geschmack verdorben und zur gänzlichen Vernachlässigung guter Lektüre erzogen. Die Kinder werden zerfahren, arbeitsunfähig und trotzig, ihr Gemüt verwildert und verroht. Sie kaufen sich oft mit unrechtmässig erworbenem Geld Messer und Schusswaffen, und nicht selten ist es, dass sie die Schreckenstaten der jugendlichen Verirrten vermehren. Auch hier ist tatkräftiges Eingreifen der Eltern und unablässige UÜberwachung unbedingt notwendig.

Nicht minder müssen Schule und Haus Stellung nehmen gegen die unsittlichen Schriften und unsittlichen Bilder. Früher traten die Schandbücher und Schandbilder nur vereinzelt auf, heute wälzen sie sich wie ein ungeheurer Strom durch die Welt und so leider auch durch Deutschland. Die Eltern suchen mit Recht den Genuss verfälschter Nahrungsmittel von ibren Kindern fernzuhalten: das Gift des Geistes ist viel schlimmer. Es handelt sich um weiter nichts, als um die künstliche Erregung der Lüsternheit zur Erzielung eines guten Geschäftes. Dieses frivole Spiel wollen wir mit unsern Kindern nicht treiben lassen. Wir fordern die Eltern auf, in ihren Kreisen auf Abänderung dieses sittengefährdenden Geschäftsgebarens zu bestehen und im Falle des Widerstrebens dafür zu sorgen, dass die Kinder nur da ihre Schreibgeräte kaufen, wo ihre Augen durch Schamlosigkeiten nicht beleidigt werden. Viele Eltern können es sich nicht er- klären, warum ihre Kinder zerstreut und nervös, scheu und einsilbig sind. Sehr oft liegt der Grund darin, dass die frühgeweckte Sinnlichkeit den Frieden der Kinderseelen zerstört hat. Es sollte doch aunch zu denken geben, dass ausländische Feinde Deutschlands, die in bestimmten Zwischenräumen Studienreisen nach unserem Lande unternehmen, mit schlecht verhehlter Schaden- freude-bekennen, dass sie gerade in der zuletzt berührten Erscheinung ein untrügliches Merkmal sittlichen Verfalls erblicken: Schon merke man die Erschlaffung der Kinder, eine früher unbe- kannte Lockerung der Sittlichkeit, ein Nachlassen der alten Seelendisziplin.

Die von uns anempfohlene Fürsorge für die Reinerhaltung der jugendlichen Seele ist zugleich in hohem Masse förderlich für die Hygiene des Nervensystems. Die wachsende Nervosität unserer Zeit zeigt sich leider auch bei den Schulkindern. Die Heilung ist schwer; auch hier kommt es auf geeignete Massregeln der Verhütung an. Wir geben den Fltern einen wirklich guten Rat, wenn wir sie dringend bitten, das blutarme und nervenschwache Kind nicht schon deshalb mit dem neunten Jahre in die Sexta aufnehmen zu lassen, weil es auch mit dem Kind des Nachbarhauses so geschieht. Der eine Knabe ist den höheren Anforderungen, die durch den Beginn des eigentlichen gymnasialen Unterrichts an seine Denkfähigkeit gestellt werden, gawachsen, der andere nicht.

Gestützt auf die Urteile hervorragender Nervenphysiologen, warnen wir die Eltern ferner davor, ihre Kinder nach einer überstandenen schweren Krankheit zu früh wieder zur Schule zu schicken, nur damit sie nicht sitzen bleiben. Besser, sie kommen ein Jahr zurück, als dass sie ihre Nerven auf Jahre schädigen.