4
die Achtung des Sohnes vor den Fltern in ungünstiger Weise, sobald er nämlich merkt, dass bei den Eltern nach eingezogener Erkundigung über den wahren Sachverhalt eine unangenehme Ernüchterung eingetreten ist. Wer es aber gar für sein gutes Recht hält, am Familientisch an Einrichtungen der Schule zu nörgeln, wer sich in eigener Verblendung nicht überwinden kann, seine billigen Witzchen über Lehrer in Anwesenheit seiner Kinder zum besten zu geben, der tut besser, das Verhältnis zur Schule zu lösen und seinen Sohn der Schule des Lebens zu überantworten.
Es gibt keine Lehrer, die gegen einen Schüler„etwas haben“. Bei solchen Beschuldigungen hat es sich stets gezeigt, dass der Schüler ein Vorurteil gegen den Lehrer hatte. Ein Schäüler, der es am Nötigsten fehlen lässt, kann natürlich nicht verlangen, dass der Lehrer ihm gegenüber besonders freundlich sei. Gewöhnlich werfen diejenigen Schüler. die keine Unterordnung kennen, alles besser wissen wollen als die Erwachsenen und keine Achtung vor der Erfahrung und dem Alter haben, ein böses Licht auf ihre häusliche Erziehung; denn sie würden in der Schule diese Versuche nicht wagen, wenn sie ihnen zu Hause nicht schon längst regelmässig geglückt wären.
Und wenn selbst einmal der Lehrer einem seiner dreissig bis vierzig ungleich gearteten und verschieden erzogenen Schülern Unrecht getan haben sollte, dann mögen die Eltern nicht vergessen, dass auch sie bei ihren drei bis vier Kindern Missgriffe tun. Der Lehrer ist jedoch ungleich schlimmer daran als sie. Er ist gleich von sechzig und mehr Augen beobachtet und ohne auf- zufallen, kann er einen Fehler weder begehen noch gutmachen. Die Laien haben vielfach keinen Begriff davon, wieviel Selbstzucht der Lehrer im Unterricht fort und fort aufwenden muss. Gerade dieser Umstand ist es, der an seine Nervenkraft so hohe Anforderungen stellt und den Lehrerberuf so aufreibend macht. Der Lehrer wird aber gern vergeben und vergessen. Er ist tief durchdrungen von der Wahrheit, dass das gute Beispiel das A und 0 der Erziehung ist. Ja, er wird sich nicht scheuen, vorkommendenfalls zu dem Schüler herabzusteigen und ihm Ge- nugtuung zu gewäbren, weil er überzeugt ist, dass Offenheit und Ehrlichkeit die erste Bedingung einer gedeihlichen Erziehung sind. Er weiss auch, wie schön und wichtig es ist, sich auf den Standpunkt der Jugend zu versetzen, in ihre Eigenart sich liebevoll zu versenken und in ihr Denken und Fühlen sich hineinzuleben. Das schadet der Würde des Lehrers nicht im geringsten, im Gegenteil, es wird die Achtung vor ihm noch erhöhen.
Haufige Besprechungen mit den Lehrern empfehlen wir auch aus einem anderen Grunde. Viele Eltern kennen den heutigen Schulbetrieb viel zu wenig. Sie sind zu sehr geneigt, den Maßstab der Zeit anzulegen, wo sie noch selbst die Schule besuchten. Die Schulverhältnisse aber haben sich inzwischen in wesentlichen Punkten geändert. Mögen die Laien auch aus den Mit- teilungen der Schüler und aus der einen und anderen Schrift manche Belehrung schöpfen, ein öfterer mündlicher Meinungsaustausch mit den Lehrern der Anstalt ist nicht zu umgehen.
Wir erbitten die tatkräftige Mithilfe der Eltern auch noch auf anderen Gebieten.
So kann die Schule die ihr anvertraute Jugend nur aufklären über die schädlichen Folgen des Alkoholgenusses; den Genuss selbst aber fernzuhalten oder wenigstens auf ein Mindestmass zu beschränken, ist Sache der elterlichen Fürsorge. Die Teilnahmlosigkeit, Schlaffheit und Zer- streutheit so vieler Schüler und ihre Neigung zu gewissen Verkehrtheiten ist leider vielfach auf den Genuss alkoholhaltiger Getränke zurückzuführen. Am schlimmsten ist die verfrühte Nach- äffung studentischen Treibens. Wie viele sehr gut begabte Schüler sind dadurch schon von den Zielen der Schule abgelenkt und einem vorschnellen Verfalle entgegengetrieben worden!


