Jahrgang 
1905
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Sommerhalbjahrs. Da das Grossh. Oberkonsistorium nicht in der Lage war, vom 12. September an einen besonderen Vertreter zu ernennen, so müssen wir mit dem Ausdruck unseres würmsten Dankes die Bereitwilligkeit anerkennen, mit der die Herren Geistlichen Lic. Grünewald(I 2 Std.), Divisionspfarrer Backhaus(II, IIIa, IIIb 6 Std.) und Pfarrassistent Leimbach(IV, V, VI 6 Std.) den gesamten evangelischen Religionsunterricht übernahmen. Lehramts-Akzessist Dr. Kempf unterrichtete die IIb: in Vertretung des Prof. Klein in alter Geschichte.

Kurz vor Weihnachten versagten dem schon länger leidenden Herrn Grünewald die Kräfte, am 11. Januar wurde der pflichttreue Mann aus seinem reichgesegneten Wirkungskreis abgerufen. Unsere Anstalt, der er, wie bereits angegeben, fast bis zum letzten Hauch seines Lebens freiwillig gedient hat, wird sein Andenken in Ehren halten.

Die Genesung des Prof. Klein schritt langsam voran; mit Erlaubnis des Arztes übernahm er am 5. Januar den Religionsunterricht in I und II und vom 1. Februar an den in VI; während die Herren Backhaus und Leimbach den übrigen Teil weiter behielten.

Die vorjährigen Stenographieschüler des Herrn Lehrers Schöpp haben sich unter dessen Aufsicht zu allwöchentlichen Ubungen in der Schnellschrift vereinigt. Seit 2. November erteilt an Stelle des Herrn Schöpp Herr Lehrer Bihlmeier den hierzu sich freiwillig meldenden Schülern den Anfangsunterricht in der Gabels- bergerschen Stenographie.

Mit höherer Genehmigung traten die Lehramts-Akzessisten Dr. Kempf und Fuldner am 10. bezw. 13. Oktober als Volontäre ein. Ihre dankenswerte Bereitwilligkeit setzte uns in den Stand, teilweise durch Unterrichts- verschiebungen einen Teil der Störungen zu beseitigen, welche durch die bereits erwähnten grösseren Erkrankungen und durch kürzeres Unwohlsein mehrerer Lehrer entstanden sind. So steigerte sich seit Anfang November das Unwohlsein des Unterzeichneten derart, dass er seine Tätigkeit ausschliesslich auf die Führung der Verwaltungs- geschäfte beschränken und seinen Unterricht aufgeben musste. Prof. Dr. Schmidt übernahm den letzteren und gab dafür den mathematischen Unterricht in III be an den Akzessisten Fuldner ab. Auch bei der Erkrankung des Gymnasiallehrers Grünschlag vom 9. bis 21. Januar erwarben sich die Akzessisten Dr. Keompf und Fuldner dadurch unsern Dank, dass sie einen grossen Teil des Unterrichts der VI übernahmen.

Die Geburtstage Sr. Kgl. Hoheit des Grossherzogs(25. November) und Sr. Majestät des Kaisers(27. Januar) wurden in üblicher Weise von der Anstalt festlich begangen. Am ersteren Tag besprach Oberlehrer Dr. Köhm das Wirken Landgraf Philipps des Grossmütigen und am Kaisertage Gymnasiallehrer Grünschlag die Ent- wicklung des deutschen Handels und seine heutige Blüte unter dem Schutze des Reiches und der Fürsorge des Kaisers.

Auch in diesem Jahre sollte vor Weibnachten für die Schüler der obersten Klassen ein Krankenträgerkursus unter der Leitung des Oberstabsarztes Herrn Dr. Stapelfeldt abgehalten werden. Leider mussten die Ubungen, zu denen sich diesmal etwa 30 Schüler gemeldet hatten, bis zum Anfang des nächsten Sommerhalbjahres verschoben werden, da der bei den UÜbungen benuützte Leitfaden von Rühlemann vergriffen und damals die neue Auflage noch nicht erschienen war.

Aus Anlass der Vermählung Sr. Kgl. Hoheit des Grossherzogs wurde der Unterricht am 2. Februar ausgesetzt.

Zum Zweck einer wissenschaftlichen Reise nach Griechenland wurde Prof. Dr. Körber vom 23. Februar bis zum 13. Mai 1905 beurlaubt. Prof. Dr. Fink nimmt an dem in diesem Frühjahr an der technischen Hoch- schule abgehaltenen naturwissenschaftlichen Fortbildungskursus teil. Seinen Unterricht übernimmt zum Teil der Akzessist Fuldner(in IIIa und IVi), zum andern Teil die zunächst beteiligten Kollegen.

Am 13. Februar erkrankte der Lehramts-Akzessist Dr. Kempf; sehr bald erwies sich seine Krankheit als so schwer, dass man für sein Leben fürchten musste, doch durfte man seiner Jugendkraft vertrauen, dass sie die tückische Krankheit überwinden werde. Als wir mit der auf den 21. und 22. Februar anberaumten mündlichen Reifeprüfung beschäftigt waren und, abgesehen von den Prüflingen, kein Schüler sonst im Hause anwesend war, wurden wir mit der uns alle tief erschütternden Trauernachricht überrascht, dass am Morgen des 21. Februar der Tod einem vielversprechenden wissenschaftlichen und pädagogischen Wirken ein allzufrühes Ende bereitet habe. Alle bei der Prüfung nicht unmittelbar beteiligten Kollegen, sowie eine grössere Anzahl Schüler erwiesen dem treuen Lehrer bei dem auf Mittwoch, den 22. Februar, vorm. 11 Uhr, festgesetzten Leichenbegängnis die letzte Ehre, und Prof. Dr. Willenbücher gab beim Niederlegen des Kranzes in ergreifenden Worten unsern Gefühlen Ausdruck.

Dr. Johannes Georg Kempf wurde am 23. April 1876 geboren, besuchte von 1887 an unser Gymnasium, das er 1896 mit dem Zeugnis der Reife unter besonderer Anerkennung seiner Leistungen verliess, studierte in Giessen und Berlin klassische Philologie und Germanistik und erhielt im Jahre 1899 für eine Arbeit aus der lateinischen Sprachwissenschaft von der philosophischen Fakultät zu Giessen den vollen Preis. Nachdem er bereits im Jahre 1901 die Prüfung für das höhere Lehramt mit Auszeichnung bestanden und schon vorher qurch eine vortreffliche Arbeit über die römische Soldatensprache(Romanorum sermonis castrensis reliquiae collectae et illustratae, Dissert. inaug. Leipzig 1901, erweitert in den Jahrb. f. klass. Philol. Suppl. B. XXVI, S. 341 ff.) den philosophischen Doktorgrad