Jahrgang 
1908
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Hier entfaltete er nun eine reichgesegnete Tätigkeit im Dienste der religiösen Er- ziehung unserer Jugend. Noch eine kurze Spanne Zeit und er hätte zu Ostern nächsten Jahres auf ein Vierteljahrhundert köstlicher Lebensarbeit in unserem goldenen Mainz zurück- schauen können.

Es war ihm nicht beschieden! Aber die Früchte seines segensvollen Wirkens hat er doch heranreifen sehen. Mögen die in dankbarer Liebe leuchtenden Augen alter und junger Schülergeschlechter es bezeugen, wie ernst und tief der Einfluss des Entschlafenen auf die Jugend gewesen ist!

Denn der Heimgegangene hatte eine hohe, heilige, ich darf wohl sagen ideale Auf- fassung von seinem erzieherischen Beruf. Und diese ideale Auffassung war wiederum in seinen Charaktereigenschaften begründet. Ich gedenke zunächst seiner Gottesfurcht und Frömmigkeit. Es kann mir nicht zukommen, gerade diese Seite seines Wesens hier näher zu beleuchten. Aber sagen möchte ich es, dass wir alle den Hauch seines innerlich frommen Wesens im täglichen Verkehr empfunden haben. Lehrer und Schüler fühlten es, dass diese Frömmigkeit den tiefsten Inhalt seines Lebens bildete.

Sie war der Quell, aus dem die Lauterkeit und Reinheit seines Lebens floss. Und mit der Lauterkeit und Reinheit seines Wesens verbanden sich die hohen Eigenschaften der Herzensgüte und Menschlichkeit, der Barmherzigkeit und Milde. Es war keine schwäch- liche Milde, sondern gepaart mit gerechtem Sinn und ernster, edler Strenge. Sie gewannen ihm die Herzen aller, seiner Schüler und seiner Kollegen, auch der Andersgläubigen. Denn in seinem Wesen ruhten Duldsamkeit und Friede, Friedfertigkeit. Kein Misston trübte das friedliche Zusammenleben der Bekenntnisse. Wir wollen es dankbar rühmen noch über das Grab hinaus.

Unübertroffen waren seine Pflichttreue und seine Gewissenhaftigkeit. Wir haben es miterlebt, wie sein Pflichtgefühl mit der wachsenden Qual seiner Krankheit rang. Sein Leben gehörte der Pflicht!

So steht das Bild des Verklärten noch einmal vor unserem geistigen Auge. Wir be- greifen, dass ein solcher Mann seinen Schülern ein sittlicher Führer und ein leuchtendes Vorbild werden konnte. In ihrem Herzen, wie in dem unseren hat er sich ein Denkmal errichtet, dauernder als Erz.

So wollen wir ihm den letzten Scheidegruss zurufen: Ruhe in Frieden, du treuer, edler Mann! Dein Andenken bleibt gesegnet!

In gleichem Sinne sprachen sich Herr Realgymnasial-Direktor Dr. Kemmer namens seiner Anstalt, sowie Herr Prof. Dr. Ledroit im Auftrage des Oberlehrervereins aus, indem sie Kränze an der Bahre des Dahingeschiedenen niederlegten.

Für seine Mitschüler sprach schliesslich Ober-Primaner Hercke.

Auch der am Anfang des Schuljahres verstorbene Prof. Dr. Hermann Willig vom hiesigen Realgymnasium hatte bis zur Trennung der Schwesteranstalt von der unsrigen dem vereinigten Lehrkörper angehört; sein Tod hat daher auch uns alle sehr schmerzlich berührt. Dem überaus pflichttreuen Manne ist ein ehrendes Andenken im Kreise seiner Kollegen und Schüler gesichert.

Anfang März d. J. starb nach längerer Krankheit Herr Prof. Dr. Aloys Denk,, bis zu seiner im Jahre 1903 erfolgten Pensionierung langjähriger angesehener Lehrer am Real- gymnasium und der Oberrealschule.

Ausserdem beklagen wir unter Ausdruck herzlicher Teilnahme an dem schweren Schicksal ihrer hartgeprüften Eltern den Tod von vier braven Schülern unserer Anstalt: Heinrich Reinhardt aus Kl. Va, gestorben am 7. Juli, Lucian Pottecher aus Kl. U III, gest. am 24. August, Wilhelm Stellwagen aus Kl. VI;., gest. am 28. No- vember v. J., und Kurt Hellwig aus Kl. IV:, der, nachdem er krankheitshalber am 22. Jan. die Schule verlassen hatte, am 19. März verstarb.

Zu Ostern 1907 wurden zwei weitere Klassen, U III, und OII;, neu errichtet; damit stieg die Zahl unserer Klassen auf 26.

Herr Oberlehrer Schad wurde mit Beginn des neuen Schuljahres an das Real- gymnasium nach Darmstadt versetzt. Unsere besten Wünsche begleiteten den beliebten und tüchtigen Kollegen in seine neue Stellung. Für ihn kam Herr Referendar Dr. Mann- heimer an die Anstalt. Ferner wurde zu Ostern 1907 Herr Assessor Hans Will an die Realschule nach Wimpfen versetzt. Auch ihm sind unsere freundlichen Wünsche gefolgt.