Jahrgang 
1908
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D. Zur Geschichte der Anstalt.

Das abgelaufene Schuljahr war für uns in mancherlei Hinsicht ein sehr ernstes; hat doch der Tod mit unerbittlicher Hand sowohl in die Reihen unserer Schüler, als auch unserer Lehrer eingegriffen: 1

Am 29. Juli v. J., nach wenigen Tagen des Unwohlseins, mitten in der Arbeit eines pflichttreuen Priester- und Lehrerlebens, schloss Prof. H. J. Roskopf für immer die Augen. Wir können das Lebensbild des Verewigten nicht besser zeichnen, als indem wir den von befreundeter Seite im Mainzer Journal veröffentlichten Nachruf hier wiedergeben:

Mit Prof. Roskopf sinkt ins Grab ein edler Priester von fleckenreinem Wandel, ein. Lehrer von grösster Pflichttreue, ein Erzieher von bestem Erfolge. Prof Roskopf gehörte nicht zu den Naturen, die auf der Landstrasse des Lebens viel Staub aufwirbeln, er ging den stillen Fusspfad seiner Pflicht. Er war sich wohl bewusst: Der Lehrer, der nur Wissen überliefert, ist ein Handwerker. Der Lehrer aber, der den Charakter bildet, ist ein Künst- ler. Er hat religiös, erhebend und sittlich veredelnd auf seine Schüler gewirkt. Und darum ist sein Leben vollwertig. Hat er auch als Religionslehrer nicht die Aufgabe ge- habt, seinen Schülern jene Formen und Fertigkeiten beizubringen, mit denen die Natur- kräfte geistig beherrscht werden, so hat er seine Schüler gelehrt, durch religiöse und sitt- liche Kraft die Elementargewalten zu beherrschen, die in der Menschenseele toben.

Begleitet von einer überaus grossen Zahl Leidtragender, wie den Lehrern und wohl. 1000 Schülern der Ober-Realschule und des Realgymnasiums, der katholischen Geistlichkeit, an deren Spitze der Hochwürdigste Herr Bischof, wurden die sterblichen Reste des in weiten Kreisen hochverehrten Professors Roskopf zur ewigen Ruhe gebettet. Nach einem Trauer- gottesdienste im hohen Dom bewegte sich unter Vorantritt der neugestifteten Fahne der Ober-Realschule, die auf so ernste Weise ihre erste Verwendung und Weihe empfing, der unabsehbare Trauerkondukt durch die Stadt zum letzten, stillen Ort. Nach den Gebeten des Dompfarrers Fecher und der Einsegnung durch sämtliche anwesenden Geistlichen widmete der Direktor der Ober-Realschule, Herr Geh. Schulrat Dr. Walter, selbst aufs tiefste ergriffen, dem entschlafenen Kollegen warme Worte des Abschiedes, indem er unge- fähr folgendes ausführte:

Im Namen und im Auftrag des Lehrerkollegiums der Grossh. Ober-Realschule zu Mainz lege ich diesen Kranz an der Bahre nieder als ein Zeichen unserer aufrichtigsten, innigsten Teilnahme, schmerzlich erschüttert durch den jähen Hingang unseres treuen Freundes und Mitarbeiters und tief durchdrungen von der Schwere des Verlustes, den kunsere Anstalt durch diesen Hingang erlitten hat.

Erst wenige Monate sind ins Land gegangen, seitdem wir die sterbliche Hülle unseres unvergesslichen Kollegen, des Herrn Prof. Willig von dieser Stätte aus zu Grabe geleitet haben, und schon wieder stehen wir an einer frischen Totenbahre, schon wieder an der Bahre eines treuen Freundes, wieder an der Bahre eines durch langjährige, unermüdliche Arbeit mit uns verbundenen Kollegen. Und mit uns haben sich hunderte und hunderte von jugendlichen Gestalten, Knaben und Jünglingen, um diesen Sarg geschart, die ihrem geliebten Seelsorger, ihrem treuen Lehrer ihre Liebe und Dankbarkeit noch über das Grab hinaus bezeugen wollen.

Tiefe Trauer erfüllt unsere Herzen und Trauer wohnt in den jugendlichen Seelen unserer Schüler. Trauernd senkt sich die umflorte Fahne, die heute zum ersten Male uns vorangeht ach, und zu welchem ernsten, trauervollen Gange! Denn wir betten der Besten einen in die kühle Erde; einen Mann, den alle achteten, den alle verehrten, den alle liebten. So einmütig wie heute unser Schmerz um den Entschlafenen, so einmütig ist auch die Liebe und Verehrung stets gewesen, die wir dem Lebenden dargebracht. Denn niemand konnte sich dem stillen Zauber entziehen, der dem Wesen des Entschlafenen inne- wohnte, nicht seine Schüler und nicht wir Lehrer.

Es war ein stiller, mehr innerlicher Lebensgang, der Prof. Hermann Josef Roskopf beschieden war. Eine heitere, glückliche, sonnige Jugend in den Bergen, Wäldern und Tälern unserer schönen Bergstrasse; 8 strebsame und erfolgreiche Lehrjahre auf dem Gymnasium zu Bensheim, ein 4jähriges theologisches Studium, dann 9 Jahre seelsorgerischer und erzieherischer Tätigkeit als Kaplan in Gau-Algesheim, bis er schliesslich zu Ostern 1883 als Religionslehrer an das Realgymnasium und die Realschule nach Mainz berufen wurde.