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schlafenen durch eine Kranzspende und geleiteten sie am Nachmittag des 29. November zur letzten Ruhe; ausserdem nahmen der Unterzeichnete, die Klassenführerin und noch einige Lehrer der Anstalt an der Beerdigung teil.
Die Tätigkeit unserer Frauenschülerinnen im Kindergarten sah sich Herr Geh. Ober- schulrat Block bei seinem Besuche am 2. Dezember etwas näher an.
Am 3. Dezember hielt Frl. Ida Strack aus Giessen vor den vereinten Vorschulklassen einen Märchenvortrag, veranschaulicht durch Lichtbilder von Ubbelohde, die Herr Oberlehrer Rupp vorzuführen die Güte hatte. Die Veranstaltung bereitete den Kleinen grosse Freude, die sich nicht selten in lautem Jubel zu erkennen gab.
Die schriftliche Prüfung der SI fand vom 15.—18. Januar statt; an ihr beteiligten sich 17 junge Damen, darunter eine Externe.
Anlässlich der bereits am Nachmittag des 25. Januar abgehaltenen Kaiserfeier, welcher Herr Stadtverordneter Fuchs sowie Frau Buder als Ehrengäste beiwohnten, sprach Herr Professor Dr. Reis über„Deutschlands Erhebung im Jahre 1813“; im übrigen verlief die Veranstaltung in hergebrachter Weise.
Am 29. und 30. Januar besuchte der Grossherzogliche Superintendent der Superintendentur Mainz, Herr Oberkonsistorialrat Euler aus Darmstadt, den evangelischen Religionsunterricht sämtlicher Klassen der Schule und des Seminars(mit Ausnahme von SI); am Schlusse der Visitation sprach er dem Unterzeichneten gegenüber seine volle Zufriedenheit mit den Leistungen der Schülerinnen aus.
Ein herber Verlust traf unsere Anstalt am 29. Januar mit dem Dahinscheiden unseres Kollegen, des Herrn Oberlehrers Dr. Wimmenauer. Am Vormittag des 1. Februar wurde er zu Grabe getragen, in Anwesenheit des ganzen Kollegiums— Schülerinnen nahmen auf Wunsch der Hinterbliebenen an der Beerdigung nicht teil— und einer grossen Anzahl von Freunden sowie näherer und fernerer Anverwandten des Entschlafenen. Der Unterricht wurde an diesem Tage ausgesetzt. In seinem Nachruf, den er dem unvergesslichen Freunde und Kollegen an dessen Sarge widmete, führte der Unterzeichnete u. a. folgendes aus:
Zum zweitenmal in diesem Schuljahre hat der Tod mit rauher Hand an die Pforten unserer Höheren Mädchenschule angeklopft. Diesmal hat er uns einen Mann entrissen, den wir bis vor wenigen Tagen noch lebensfrisch und arbeitsfreudig unter uns einherwandeln sahen, und von dem es wohl niemand geahnt hätte, dass er so bald,— ach, so bald schon!— für immer aus unserer Mitte entrückt werden sollte. Wahrlich, wir stehen hier vor einem erschütternden Trauerfalle, erschütternd nicht nur für die hinterbliebenen Angehörigen, sondern auch für unsere Schule, namentlich für unser ganzes Rollegium, vor einem Falle, der jedem von uns mächtig ans Herz greift und eines jeden Brust mit stiller Klage und tiefer Wehmut erfüllen muss. Nach kurzem Krankenlager und sich daran anschliessender schwerer Operation ist unser treuer Freund plötzlich und unerwartet aus reichgesegneter Berufstätigkeit in eir besseres Jenseits abberufen worden, nachdem er beinahe acht Jahre lang als Vorbild seltenster Pflicht- treue und ausgezeichneter Gewissenhaftigkeit unter uns gelebt und gewirkt hat. Damals, als er am 12. April 1905 zunächst provisorisch, dann aber nach jahresfrist definitiv an unserer Schule und dem angegliederten Lehrerinnenseminar angestellt wurde, waren die Kufgaben, die in der neuen Stellung seiner harrten, nicht so ganz leicht; aber mit Lust und Freudigkeit, mit ungeteilter Arbeitskraft und namentlich mit einem geradezu wohltuenden Optimismus, der ihn überall, namentlich auch bei der Jugend, nur das Gute erblicken liess, weil er selbst das Beste allenthalben voraussetzte— so ging damals der jugendliche Lehrer frisch ans Werk und entfaltete bald eine Wirksamkeit, die allen, welche zu ihm in Beziehung traten, zu gute kommen sollte: seinen Schülerinnen im Unterricht, seinen Berufs- genossen und-genossinnen im täglichen Verkehr und namentlich auch in den Sitzungen des Lehrerrats, in denen wir seine Stimme schwer vermissen werden; seinen zahlreichen Freunden, die er sich allmählich hier erworben hatte, in anregenden Gesprächen und trautem persönlichen Umgange.


