Jahrgang 
1908
Einzelbild herunterladen

4

Und fürwahr, was könnte mehr unsere Anteilnahme erwecken, als die Kenntnis der grossen Vergangenheit eines Platzes, wo einst unsere Vorfahren gelebt und gewirkt, deren Spuren wir noch auf Jahrhunderte zurück verfolgen können, und welcher nunmehr in der Gegenwart an- deren Zwecken dienstbar gemacht ist. Lebendig treten uns die Gestalten aus jenen Tagen vor unsere Seele, und doppelt lieb wird uns die heimische Stätte werden, die sich auf dem durch grosse Ereignisse geweihten Boden aufbaut. Vieles ist uns von den Ereignissen, die sich hier abge- spielt haben, berichtet, und wo die Ueberlieferung fehlt, haben die Steine geredet.

Es soll deshalb vor allem ein kurzer Abriss der Geschichte des Platzes vorangestellt werden.

Wohl schon in der frühesten Zeit der römischen Herrschaft fanden auf dem ausgedehnten Gebiet zwischen der Reich-Klarastrasse und grossen Bleiche infolge seiner wichtigen Lage die ersten Ansiedelungen statt. Aufgrabungen bei den Fundamentierungsarbeiten haben hier die Kreuzung zweier römischer Heeresstrassen festgestellt. Während die eine in der Richtung der heutigen Reich-Klarastrasse-Emmeransstrasse bis zu dem hochgelegenen Castrum verfolgt werden konnte und nach der Niederung und über den Rhein nach Norden zog, wiesen die Spuren der anderen von der Mitternacht nach der Wallaustrasse, die an dem Flussufer entlang führte. Es kann wohl keinem Zweifel unterliegen, dass sich der Handel, der den römischen Waffen folgte, dieses günstige Gebiet alsbald zu nutz gemacht hat, und dass auch späterhin in nachrömischer Zeit noch hier eine blühende Handelsniederlassung sich befand, erwiesen manche wichtige Fund- stücke sowie jene Reste einer prachtvollen romanischen Profanarchitektur einer Bogenfenster- Gallerie mit reichen Skulpturen, die jetzt in der Steinhalle des Museums aufgestellt sind. Schwere Kämpfe vernichteten diese Stätten der Kultur, so dass kein Stein auf dem anderen blieb; vielfach zeigte der Brandschutt noch in den Fundamenten die Spuren der Verwüstung. Lange blieb das Gebiet dann herrenlos liegen, und erst aus der Zeit des 13. Jahrhunderts hören wir, dass sich hier der Orden der Clarissen angesiedelt hat. Im Jahre 1272 wurde der Grund- stein zu dem Kloster gelegt, das von dem angesehenen Mainzer Patrizier Humbert zum Widder und seiner Ehefrau Elisabeth zum Jungen erbaut worden ist. Mit dem Bau der Kirche, in den einfachen Formen des Mendicanden-Ordens, wurde wahrscheinlich im Jahre 1285 begonnen. Durch Jahrhunderte hatte sich diese Stiftung nicht nur der besonderen Gunst der Mainzer Geschlechter, sondern auch derjenigen von Fürsten und Adligen zu erfreuen gehabt, die das Kloster mit reichen Schenkungen bedacht haben, so dass der Name desReich-Klaraklosters noch auf unsere Tage überliefert ist. Viele Stifter und Gönner haben im Kloster ihre letzte Ruhestätte gefunden.

Nur wenig ist uns von besonderen Ereignissen aus der ersten Zeit der Stiftung bekannt geworden, doch liess sich deutlich nachweisen, dass wohl im Anfang des 14. Jahr- hunderts eine bedeutende Vergrösserung der Kirche vorgenommen wurde, und dass auch sonst in der baulichen Anlage des Klosters grosse Veränderungen stattfanden. Auf einem Plan von Mascopp von 1575 sehen wir die ganze Klosteranlage abgebildet(siehe auch Beschreibung von Schrohe, Geschichte des Reich-Klara-Klosters und Umgebung).

Während des 30-jährigen Krieges hatte das Kloster viele Schicksale und manche Einbusse an Gütern zu erleiden; die Umwandlung zu einem Zeughause konnte noch ab- gewendet werden, und erst in dem Kriege mit Frankreich im Jahre 1688 und 1689 hatte es die Schrecknisse der Belagerung der Stadt schwer empfinden müssen.

Wohl wird uns berichtet, dass sich das Kloster noch einmal einer kurzen Blüte zu er freuen hatte, sodass es im Jahre 1717 fast vollständig neu erstellt und verschönert worden ist, doch war es nur das letzte Aufflackern eines verlöschenden Lichtes. Die Zeitanschauung war eine andere geworden die Zeit der Aufklärung war gekommen, und so finden wir es erklärlich, dass Kurfürst Friedrich Karl 1782 das Kloster wegen seines immer noch grossen