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die Welt vergehen, vergeht das feste Männerwort“! Diesen Kernspruch des ehrwürdigen E. M. Arndt könnte man als Motto allen Reden Kellers voranschicken; denn jederzeit war er sein Leitstern, einerlei ob er in öffentlicher Versammlung das Wort ergriff oder im geschlossenen Freundeskreise.
Das Jahr 1889 war für die Geschichte unseres städtischen Schulwesens insofern von besondrer Be- deutung, als es ihm die höhere Mädchenschule brachte. Damit war auch hier endlich eine Anstalt ins Leben gerufen, wie sie in den grösseren Städten des Grossherzogtums schon seit einer Reihe von Jahren bestand. Keller brachte dem Unternehmen von vornherein das regste Interesse entgegen, und nicht wenig hat er, im Vereine mit den Männern unserer Stadt, von denen die erste Anregung ausgegangen war, für dessen Zustandekommen gearbeitet. Als man dann 1889, nach Uberwindung von mancherlei Schwierig- keiten, endlich an die Eröffnung der Schule denken konnte und es sich zunächst um die Wahl eines Direktors handelte, da galt es in eingeweihten Kreisen bald als ausgemachte Sache, dass für diesen schweren, verantwortungsreichen Posten niemand sich besser eigene als Keller.
Am 30. September 1889 trat die Anstalt ins Leben. In glänzender Rede sprach an diesem Tage der inzwischen zum Direktor Ernannte vor einer hochangesehenen Versammlung über das Wesen, Ziel und den Lehrplan der höheren Mädchenschule; sie bildete gleichsam das Programm für seine fernere Wirk- samkeit. Auf diese selbst näher einzugehen liegt nicht im Bereiche unserer Aufgabe. Nur eins darf nicht unerwähnt bleiben: das in ihn gesetzte Vertrauen wusste Keller, wie dies anders kaum zu erwarten war, in seltner Weise zu rechtfertigen, womit er selbst am besten bewies, in wie hohem Grade er desselben würdig gewesen. War es in der That doch keine Kleinigkeit, die verschiedenartigsten Elemente, wie sie in dem neugegründeten Lehrkörper und auch in dem Anfangsbestand der Schülerinnen naturgemäss damals vertreten sein mussten, in verhältnismässig kurzer Frist zu einem einheitlichen Ganzen umzuschaffen, und des pädagogischen Taktes nicht minder wie des Organisationstalentes eines Mannes wie Keller bedurfte es, sollte diese Aufgabe, wie es ihm thatsächlich gelang, in befriedigender Weise gelöst werden. Gewiss nur einen Vorwurf konnte man bei seiner aufreibenden Amtsführung gegen Keller erheben: den der gänzlichen Nichtbeachtung seiner Gesundheit; denn so ganz und gar ging er in dem rasch ihm lieb gewordenen neuen Berufe auf, dass er seit dessen UÜbernahme sich auch nicht die geringste Erholung mehr gönnte, sondern unablässig arbeitete zum Wohle der ihm anvertrauten Jugend, im Dienste der über alles Erwarten schnell emporblühenden Mädchenschule. Weder die eindringlichen Bitten seiner treuen Lebensgefährtin, mit der er seit 1877 in glücklichster Ehe verbunden war, noch die wohlgemeinten Vorstellungen seiner um seine Gesundheit bangenden Freunde vermochten seiner rastlosen Thätigkeit Einhalt zu gebieten. Die traurigen Folgen konnten unter solchen Umständen nicht ausbleiben, wiewohl Keller sie sich solange wie möglich zu verhehlen suchte. Allein im November 1894 musste auch er eine bedeutende Abnahme seiner Kräfte, verbunden mit hochgradiger Nervosität, sich eingestehen. Nur mit schwerem Herzen entschloss er sich zur Annahme eines von seiner vorgesetzten Behörde ihm längst schon zur Pflicht gemachten Urlaubs. Wer hätte damals geahnt, dass dieser sein Feierabend sein sollte vor der so plötzlich über ihn herein- brechenden Todesnacht? Am Abend des 28. April 1895 machte ein Herzschlag dem Leben des reich- begabten Mannes ein jähes Ende, viel zu frühe für seine tiefbetrübte Familie, die ihre Stütze und ihren Halt in ihm verloren, zu frühe für seine zahlreichen Freunde und Kollegen, die in Keller besonders den Mann von seltner Treue und Lauterkeit der Gesinnung geschätzt, zu frühe endlich für unsere ganze Stadt, die durch ihre man kann sagen allgemeine Teilnahme an seinem Leichenbegängnis selbst am besten es bewies, wie hoch der Verstorbene in ihrer Achtung gestanden.
Unvergessen bleibe sein Andenken unter uns! Der Schule aber und ihrem Kollegium sollen des Frühvollendeten treffliche Eigenschaften als leuchtendes Vorbild stets vor Augen schweben.


