Jahrgang 
1896
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III. Gedenkblatt

zur Erinnerung an Dr. Jakob Keller.

m 16. Juli 1852 wurde Jakob Keller zu, Gross-Gerau geboren. Nachdem er das Gymnasium zu Darmstadt besucht und dann vom Herbst des Jahres 1871 bis Juli 1875 in Giessen sich dem Studium der klassischen Philologie gewidmet hatte, wurde er nach bestandener Staatsprüfung und darauffolgender vorübergehender Verwendung an dem Grossherzoglichen Gymnasium zu Giessen am 25. September 1875 zunächst provisorisch und dann am 5. April 1876 definitiv am hiesigen Real- gymnasium angestellt.

Kellers Wirksamkeit an dieser Anstalt bedarf kaum einer eingehenderen Würdigung: mit unauslöschlicher Schrift hat sich die Erinnerung an sie in unser aller Gedächtnis eingeprägt, besonders bei denen, die als Schüler je zu seinen Füssen gesessen. Denn ein vorzüglicher Lehrer zunächst war der Heimgegangene. Mochte er in seinem geschichtlichen Unterricht die Jugend begeistern für des Vaterlandes Grösse und Herrlichkeit und die Licht- und Schattenseiten des menschlichen Lebens an den Schicksalen der einzelnen Völker ihr zum Bewusstsein bringen, oder mochte er seine Schüler einführen in die kostbaren Schätze unsrer Litteratur und für deren Entwicklungsgang ihnen das Verständnis erschliessen, oder mochte er sie endlich auf den Boden des alten Latium versetzen und bekannt machen mit der Sprache und den Schriftwerken der Römer: stets wirkte Keller anregend, veredelnd und nachhaltig. So haben ihn seine Schüler kennen gelernt, fast mehr aber noch die vielen Schülerinnen, die ihn im Institute der Fräulein Brecher und dem der Fräulein Diehl zum Lehrer gehabt. Besonderen Reiz hatten hier seine kunst- geschichtlichen Stunden, in denen seine umfangreiche Sachkenntnis verbunden mit grosser Sicherheit des Urteils und seltner Darstellungsgabe vielleicht mehr noch als sonst irgendwo zu Tage traten. Bei dieser hervorragenden pädagogischen Begabung Kellers verstand es sich fast von selbst, dass man bald schon den Wunsch hegte, sie auch für weitere Kreise nutzbar zu machen. In dieser Absicht wurde er am 26. April 1880 zum Mitglied der Kreisschulkommission des Kreises Mainz ernannt, welches Ehrenamt er bis zu seinem Tode mit Segen bekleidete.

Neben dieser reichen Berufsthätigkeit fand Keller, leider vielfach nur auf Kosten seiner an sich vortrefflichen Gesundheit, doch noch Zeit genug zu eingehenden wissenschaftlichen Forschungen. Sie bewegten sich alle auf dem Gebiete der Archäologie und hatten als Ergebnis eine Anzahl mehr oder minder umfangreicher Schriften und Aufsätze, zu denen er die Anregung meistens durch die Sammlungen unseres römisch-germanischen Museums empfing. Durch solche Veröffentlichungen war Keller aber nach und nach auch ausserhalb der Grenzen unseres engeren Vaterlandes bekannt geworden; die Folge davon war seine Ernennung zum korrespondierenden Mitgliede des Kaiserlich deutschen archäo- logischen Instituts zu Berlin, Rom und Athen(1884), welcher früher schon die zum ersten Sekretär des hiesigen Vereins zur Erforschung der rheinischen Geschichte und Alter- tümer vorausgegangen war.

Noch sei, zur Vervollständigung unseres Bildes, wenigstens kurz auch der öffentlichen Wirk- samkeit Kellers gedacht. Hierbei haben wir die mannigfaltigen Fälle im Auge, in denen er als Festredner durch gedankenreiche, warm empfundene, in ihrer Art geradezn formvollendete Ansprachen die Ohren einer andächtig lauschenden Menge zu entzücken verstand. Was aber an allen seinen Reden besonders wohlthuend berührte, das war das, dass Keller sich jedesmal ganz so gab, wie er dachte und fühlte, und weder mit seiner politischen Überzeugung er war ein hervorragendes Mitglied der national- liberalen Partei noch auch mit seinen religiösen Anschauungen als Protestant hatte er seinen evangelischen Glauben von ganzem Herzen lieb jemals hinter dem Berge hielt.Fürwahr, es muss