I. Vorwort an das Elternhaus.
8Jſen verehrten Eltern unsrer Schülerinnen dürfte daran gelegen sein, mit einigen teils schon bestehenden, Iteils im nächsten Schuljahre erst in Kraft tretenden Neuerungen etwas ausführlicher bekannt I gemacht zu werden, als dies sonst wohl in einem Jahresberichte üblich ist. Diesem Bedürfnis glauben wir zu genügen, indem wir den eigentlichen Schulnachrichten nachfolgende Zeilen vorausschicken.
Von besondrer Bedeutung für den Ausbau unsrer Anstalt ist die mit dem neuen Schuljahre sich vollziehende Umgestaltung unsrer Selekta(= Kl. la.). Wie bereits bekannt sein dürfte, soll der bisher zweijährige Kursus des Grossherzoglichen Lehrerinnenseminars in Darmstadt demnächst in einen dreijährigen verwandelt werden. Durch Verfügung Grossherzoglichen Ministeriums vom 30. November 1895 ist nun gestattet worden, dass für diejenigen Schülerinnen unsrer Selekta, welche diese Klasse ein Jahr lang mit gutem Erfolg besucht haben, der obligatorische Seminarbesuch sich nach wie vor auf zwei Jahre zu beschränken habe. Sonach können diese Schülerinnen fortan von hier aus gleich in die mittlere d. h. II. Seminarklasse eintreten, und zwar ohne Ablegung einer besondren Aufnahmeprüfung, vorausgesetzt, dass sie mit dem Zeugnis der Reife für die II. Seminarklasse von uns entlassen worden sind.
Unsre Selekta wird also künftighin aus zwei Abteilungen bestehen, die wir als Fortbildungsklasse und als Seminarabteilung bezeichnen. Aufgabe der ersteren ist es, wie auch bisher schon, diejenigen Schülerinnen, die noch ein Jahr länger, als der Organismus unsrer zehnklassigen Schule an sich es ver- langt, die Vorteile eines geregelten Unterrichts zu geniessen wünschen, mit der neusten vaterländischen Litteratur und Geschichte bekannt zu machen und ihnen daneben Gelegenheit zu geben zu umfangreicherer englischer und französischer Lektüre mit sich daran anschliessenden Sprech- und Schreibübungen. Ergänzend hinzu treten als weitere Lehrgegenstände: Kunstgeschichte, Rechnen, Physik, Zeichnen und Hand- arbeit. Der Lehrplan der Seminarabteilung*) dagegen wird mit dem der entsprechenden Darmstädter Seminarklasse in Einklang gebracht werden. In einer Anzahl von Unterrichtsstunden können beide Abteilungen miteinander vereint sein. Wer aus unsrer I. Klasse am Schlusse des Schuljahrs als„reif für den Besuch der Selekta“ bezeichnet wird, kann ohne besondere Aufnahmeprüfung in die Seminarabteilung eintreten; Mädchen dagegen, die aus anderen Anstalten in diese Abteilung aufgenommen zu werden wünschen, naben sich zu diesem Behufe einer besonderen Prüfung zu unterziehen.**)
Um einer Uberfüllung vorzubeugen und es also zu ermöglichen, dass der individuellen Behandlung der Schülerinnen gebührend Rechnung getragen werde, haben wir uns entschlossen, im neuen Schuljahre auch die II. Klasse, gleich den meisten übrigen, in zwei Parallelklassen(2a und 2 b) zu teilen.
Seit dem 1. Oktober haben wir, zunächst allerdings nur für die oberen Klassen, an den schulfreien Nachmittagen eine freiwillige Spielstunde unter Aufsicht einer Lehrkraft eingerichtet, die sich stets einer guten Beteiligung zu erfreuen gehabt. Hoffentlich sind wir auch im neuen Schuljahre in
*) In dieser können immer nur solche Mädchen Aufnahme finden, die am 1. Mai des laufenden Schuljahrs das 16. Lebensjahr vollendet haben.
**) Zu dieser haben sie sich spätestens 8 Tage vor Beginn des Schuljahrs bei der Direktion zu melden und ihrem diesbezüglichen Gesuche beizulegen: 1. einen Lebenslauf, 2. einen Tauf- oder Geburtsschein, 3. die Zeugnisse über die bis- her empfangene Schulbildung, 4. einen Impfschein.


