MVW. Zur Geschifchte der Anstaſt.
Damit auch dem Jahresbericht des laufenden Schuljahres eine wissenschaftliche Abhandlung beigegeben werden kann, faßt sich der Berichterstatter in der„Geschichte der Anstalt“ so kurz als möglich.
Stadtschulamt hatte auf Antrag der Eltern 18 Schüler nach nur dreijährigem Besuch der Grundschule
as neue Schuljahr begann Montag, den 15. April 1929 mit den Aufnahmeprüfungen. Das Kreis- und D zur Aufnahme in unsere Anstalt zugelassen. Sie bestanden sämtlich die vorgeschriebene Prüfung.
Mit Wirkung vom 1. April 1929 wurden die Herren Oberstudienräte Prof. Philipp Bitsch und Prof. Karl Stempel auf ihr Nachsuchen in den Ruhestand versetzt.
Uber vierzig Jahre hat Herr Oberstudienrat Prof. Bitsch im Dienste der Jugend an verschiedenen Lehr- anstalten des Hessenlandes zugebracht..
Seinem Charakter nach allem Scheine und aller bloßen„Aufmachung“ abhold, hat er bei ausgezeich- neter Gesundheit und bescheidener Stille mit gewissenhafter Pünktlichkeit seines Dienstes gewaltet. Mit wohl- wollendem Herzen ausgestattet und minderer Begabung oder jugendlichem UÜbermut gegenüber stets zu mildem Urteil geneigt, hat er alle ihm anvertrauten Schüler zu fördern und zur Erreichung ihres Zieles zu bringen gesucht. Die letzten 20 Jahre seiner dienstlichen Tätigkeit hat er an unserem Gymnasium erfolgreich ge- wirkt. Nachdem er mit Wirkung vom 1. Oktober 1927 zum Oberstudienrat ernannt worden war, hat er für den 1. April um seine Versetzung in den Ruhestand gebeten. Das Kollegium wünscht ihm von Herzen einen noch lange währenden, ungetrübten Lebensabend in seinem schönen Mainzer Heim.
Herr Prof. Stempel, aus der bayrischen Pfalz stammend, trat im Oktober 1905 aus dem evangelischen Pfarrdienst— er war Pfarrer zu Angersbach bei Lauterbach in Oberhessen— in den hessischen Schuldienst über und wirkte beinahe ein Vierteljahrhundert als Religionslehrer an den Gymnasien zu Mainz. Fleißig und gewissenhaft, nahm er es mit den Aufgaben des heute nicht gerade leichten Berufes als Religionslehrer an einem Gymnasium, der an die Lehrbefähigung und Geschicklichkeit eines Lehrers nicht geringe Anforde- rungen stellt, sehr ernst. Von hohem Idealismus getragen, war er mit Eifer bemüht, einer Jugend, die infolge der Auswirkung unserer in erster Linie technischen Zivilisation religiösen Fragen gegenüber so viel- fach ganz anders eingestellt ist, das Verständnis für das Wesentliche einer wirklichen Kultur zu eröffnen und sie für die Vorherrschaft des Geistigen und Religiösen im Einzelleben und im Volksleben zu gewinnen.
Da seine Gesundheit infolge von Uberanstrengung in der letzten Zeit etwas nachgelassen hatte und ein längerer Erholungsurlaub nach den neueren gesetzlichen Bestimmungen nicht mehr möglich war, erwirkte er seine Versetzung in den Ruhestand, nachdem auch er mit Wirkung vom 1. Oktober 1927 zum Oberstudienrat ernannt war. Möchte auch ihm noch ein langes otium cum dignitate zuteil werden!
Die Verwaltung der von Herrn Prof. Stempel innegehabten Stelle wurde durch Verfügung des Kultus- ministeriums Herrn Lic. theol. Paul Schorlemmer, seither Stiftspfarrer in Lich(Oberh.) übertragen.
Mit Beginn des Schuljahres kehrte Herr Dr. Georg Schorn, der vom 1. Januar bis 31. März 1929 kommis- sarisch an der Oberrealschule zu Mainz tätig war, an unsere Anstalt zurück.
Ferner wurde mit Wirkung vom 15. April Herr Studienrat Heinrich Lauckhard von der Oberrealschule zu Worms an unsere Anstalt versetzt.
An Stelle des Herrn Studienassessors Dr. Kunkel wurde uns Herr Studienassessor Dr. Johannes IIlert mit acht Wochenstunden von dem Realgymnasium dahier überwiesen.
Herr Studienassessor Fritz Flommersfeld wurde an das Institut der Englischen Fräulein zu Bensheim beurlaubt und trat damit aus unserem Lehrkörper aus.
Mitten in den Sommerferien wurden wir durch die Nachricht von dem unerwarteten Tod des Studien- rats Herrn Dr. phil. et. rer. pol. Ferdinand Schwemmler überrascht. Die traurige Kunde schien uns, seinen Kol- legen zunächst ganz unglaubhaft und unfaßbar.
Auch für das Gymnasium, an dem ihm kaum elf Monate zu wirken vergönnt war, bedeutet sein früher Tod ein schwerer Verlust.
Durch den Reichtum und die Tiefe seiner Kenntnisse, vor allem auf dem Gebiete der Weltanschau- ungsfragen, des allgemeinen Staatsrechtes und der Wirtschaftsgeschichte, durch seinen hervorragenden wissen- schaftlichen Sinn, durch die vorbildliche Treue und Gewissenhaftigkeit seiner Dienstführung, durch seine wohlwollende Liebe zu den sich aufschließenden jugendlichen Seelen war er ein wertvolles Mitglied unseres Kollegiums und schien für die Bildung und Erzichung der heranwachsenden Jugend noch zu Großem berufen. Alle, die ihn gekannt, werden seiner stets in Ehren gedenken.
Bei seiner Beerdigung zu Offenbach am 26. Juli war der Lehrkörper durch Herrn Oberstudienrat Prof. Dr. Schrohe, Herrn Studienrat Dr. von Jungenfeld und Herrn Studienrat Dr. Burk vertreten. An Stelle des von Mainz abwesenden Direktors legte Herr Prof. Dr. Schrohe mit tiefempfundenen Worten einen Kranz am Grabe nieder.
Für Herrn Dr. Schwemmler fand am 22. August 1929 vormittags 3 Uhr in der hiesigen Karmeliterkirche ein Requiem statt, das die Kollegen und die katholischen Schüler vollzählig besuchten.
An seiner Stelle trat mit Wirkung vom 12. August 1929 Herr Studienrat Anton Como, seither an der Realschule in Oppenheim, in unseren Lehrkörper ein.
Infolge der Erreichung der Dienstaltersgrenze trat mit Wirkung vom 1. August Herr Oberstudienrat Prof. Dr. Heinrich Schrohe„unter Anerkennung der dem Staate geleisteten langjährigen treuen Dienste“ in den Ruhestand, nachdem er vom 1. Mai 1905 an an dem Gymnasium zu Mainz gewirkt hatte.
Mit größtem Bedauern sah das Gymnasium Oberstudienrat Prof. Dr. Schrohe, diese vortreffliche Lehr- kraft, aus dem Lehrkörper der Anstalt scheiden. Geboren zu Mainz, besuchte Prof. Dr. Schrohe das Gym- nasium seiner Vaterstadt und trat nach gründlicher Ausbildung auf den Universitäten zu Straßburg und Gießen in das höhere Lehrfach. Die von ihm gewählten Studienfächer führten zu seiner ausschließlichen Ver-
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