„Der zweite Tuerschmann-Abend, den die Mainzer Vereinigung der Freunde des humani- stischen Gymnasiums am Freitag, dem 4. November, im vollbesetzten Festsaale der Studienanstalt abhielt, stand der vorjährigen Aufführung des„Oedipus auf Kolonos“ ebenbürtig zur Seite. Er war zur Rezitation homerischer Dichtung ausersehen. Ein vierstimmiges Lied nach einer griechischen Melodie des Dionysius aus dem 3. Jahrhundert n. Chr., von Schülern des Gymnasiums unter der bewährten Leitung des Reallehrers Sieben wirksam vorgetragen, leitete die Veranstaltung stim- mungsvoll ein. In scharfen Umrissen entwarf sodann der 2. Vorsitzende, Prof. Dr. Köhm, ein anschauliches Bild von der überragenden Stellung der homerischen Poesie in der Weltliteratur und erleichterte durch eine kurze Wiedergabe der wichtigsten Begebenheiten in der Ilias und Odyssee, das Verständnis des 5. Gesanges der Odyssee, den Prof. Tuerschmann in künstlerischer Vollendung vortrug.
Dank seiner großen Sprachkunst hauchte er allem, was der Dichter geschaut und gedacht, frisches Leben ein. Auch die kleinsten Züge epischer Schilderungskunst zeichnete er in Wort und Gebärden liebevoll nach. Die unerschöpfliche Ausdrucksfähigkeit seines Organs kam vor allem in der Charakterisierung der unvergänglichen Gestalten Homers zur Geltung. Ein wahres Kabinett- stück plastischer Gestaltungskunst war die Verkörperung der herrlichen Göttin Kalypso und des vielgewandten Odysseus.
Wenn sich dem Vortragenden in dem ersten Teil des 5. Gesanges ständig Gelegenheit bot, Homers epische Kunst in dem harmonischen Ablauf der Begebenheiten aufs anschaulichste zu zeigen, so bildete der 2. Teil seines Vortrages durch die unerhört dramatische Gestaltung der Sturm- fahrt des Odysseus den Glanzpunkt des Abends. In hinreißendem Schwung hielt er die Zuhörer bis zu der endlichen Rettung des edlen Dulders Odysseus in atemloser Spannung.— Zum Gdritten Male betrat Herr Tuerschmann die Bühne, um zum Schlusse die herrliche Dichtung im Urtext vor- zutragen. Auch hierbei mußte man neben der schier unheimlichen Gedächtnisleistung die zwingende Gestaltungskraft des Sprechers bewundern, der, aufs glücklichste durch das ausdrucksvolle Spiel der Mienen und Gebärden unterstützt, die wundervollen griechischen Verse zu ungeahnter Schön- heit neu erstehen ließ.
Der um die humanistische Sache hochverdiente erste Vorsitzende, Herr Landgerichtspräsi- dent Dr. Nees, schloß die Veranstaltung mit herzlichen Worten des Dankes an alle, die zum guten Gelingen des Abends beigetragen haben, vor allem an Herrn Tuerschmann.“
Einen vollen Erfolg zu verzeichnen hatte auch die zweite Veranstaltung des Bundes, die am 28. Februar 1928 abends im Festsaale der Studienanstalt abgehalten wurde. Frau Professor Dr. Bieber von der Universität Gießen hielt einen sehr lehrreichen, zweistündigen Vortrag, der durch zahlreiche treffliche Lichtbilder unterstützt wurde, über„Pompeji im Lichte der neuesten Aus- grabungen und Forschungen“. Sie erntete für ihre Ausführungen den reichsten Beifall der zahl- reich erschienenen Zuhörer.
Das Pädagogische Institut bei der Technischen Hochschule zu Darmstadt in Mainz veranstaltete an den Nachmittagen des 2. und 3. März je drei Vorträge über das Gesamtgebiet„Jugend und Recht“. Es sprachen die Herren Geh. Regierungsrat Prof. Dr. Dyroff(Bonn), Geh. Justizrat Prof. Dr. Mittermaier(Gießen), Univ.-Prof. Dr. Stern(Gießen und Mainz), Amtsgerichtsrat Gehm (Mainz) und Beigeordneter Dr. Aull(Offenbach). Die Vorträge waren zahlreich besucht, die An-— stalt war durch den Direktor vertreten.
Am 9. und 10. Mai besuchten die oberen Klassen unserer Anstalt die Ausstellung für Gas, Elektrizität und Wasser(Gewa) in der Stadthalle zu Mainz. Herr Prof. Dr. Kübel hatte die Freund- lichkeit, die erläuternde Führung zu übernehmen.
Auf Empfehlung des Landesbildungsamts unternahmen einige Klassen unserer Anstalt unter dankenswerter Führung der Herren Prof. Bitsch, Prof. Dippel, Prof. Sartorius, Prof. Köhm und der Studienräte Wittig, Metzner und Dr. Strobel eine Fahrt nach Darmstadt zum Besuche der Aus- stellung„Alte Kunst am Mittelrhein“. Die Erläuterungen in der Ausstellung gab Herr Museums- direktor Prof. Dr. Feigel; es sei ihm hierfür auch an dieser Stelle gedankt.
Auf den 12. Juli fiel für die Klassen von Oberprima bis Untertertia einschließlich der Besuch der großen Musikausstellung zu Frankfurt a. M. Die unteren Klassen machten an diesem Tage einen dreistündigen Morgenspaziergang.
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