Jahrgang 
1927
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Winterveranstaltung ab. Ein wirkungsvolles Vorspiel(Boccherini, 2. Satz, C-Dur-Symphonie), durch das Schülerorchester des Gymnasiums unter seinem verdienstvollen Leiter, Herrn Reallchrer Sieben, vorgetragen, versetzte die Zuhöhrer in die rechte Stimmung. Nachdem der erste Vorsitzende, Herr Landgerichtspräsident Dr. Necs, die Erschienenen begrüßt hatte, trug Herr Bruno Tuerschmann, Leipzig, in griechischem Gewande frei aus dem Gedächtnis Sophokles'Oidipus auf Kolonos in der Ubersetzung von Donner vor. Schon mit den ersten Versen dieses menschlichsten Werkes sophokleischer Kunst gelang es dem gefeierten Meister des Wortes, die andächtig Lauschenden so zu erschüttern, dass niemand sich dem Zauber der unvergänglichen Dichtung entziehen konnte. Mit unvergleichlicher Kunst verstand es der hervorragende Interpret aſtgriechischer Poesie, nicht nur den rastlos fortschreitenden Gang der Handlung zu veranschaulichen, sondern auch die auftretenden Personen so trefflich zu charakterisieren, daß man sie leibhaft auf der Bühne zu sehen und zu hören glaubte. Durch den ganzen Reichtum seiner Vortragskunst ist es ihm gegeben, in schlichter, edler und feier- licher Sprache und in innerlichster Einfühlung in die zwingende Tragik des Dramas das Kunstwerk seine Hörer miterleben zu lassen. Den Abend beschloss ein Chorlied aus der Antigone in der Vertonung Mendelssohns, das ebenfalls Herr Rcallchrer Sieben mit dem Schülcrchor eingeübt hatte. In warmen Worten dankte der Vorsitzende allen, die dazu bei- getragen hatten, die Veranstaltung zu einer wahren Feierstunde zu machen.

Am 21. Dezember 1926 vollendete Herr Professor Rudershausen seinen siebzigsten Geburtstag. Er hatte über ein Menschenalter zahlreiche Schüler, die sich nun in angesehenen Lebensstellungen befinden, am Mainzer Gymnasium in den Humaniora unterrichtet und war auf Grund des Dienstaltersgesetzes zu Beginn des Winterhalbjahres 1922 in den Ruhestand getreten. Das Kollegium sprach ihm aus obigem Anlass durch eine Abordnung die herzlichsten Glückwünsche ad multos annos aus, zu deren Erfüllung des Gefeierten trefflicher körperlicher und geistiger Gesundheitszustand nach menschlichem Ermessen voll berechtigt.

Leider hatte das Gymnasium im Berichtsjahr auch den Tod eines hoffnungsvollen Schülers zu beklagen. Im 28. Januar 1927 verstarb nach nur dreitägiger Krankheit im Alter von vierzehn Jahren der Untersckundaner Willi Deufsch aus Mainz. Seine Lehrer und Klassen- kameraden erwiesen ihm die letzte Ehre bei der Einäscherung am 50. Januar; Herr Professor Dr. Lambinet legte in Vertretung des verhinderten Klassenführers unter teilnahmsvollen Worten eine Kranzspende nieder. Der Direktor sprach der schwergeprüften Mutter im Namen der Schule das herzlichste Beileid aus.

Beefhoven, den Meister der Töne, der vor nunmehr hundert Jahren verschied, feierten wir am Abend des 24. März 1927 durch eine besondere Veranstaltung im großen, schönen Festsaal der Mainzer Liedertafel. Die Eltern unserer Schüler waren sehr zahlreich erschienen, wofür wir geziemend danken. Schülerchor und Schülerorchester unter Leitung unseres uner- müdlichen Musiklehrers, Kollegen Sieben, leisteten ihr Bestes. Unser Abiturient René Hartogs trug die Rede Grillparzers am Grabe Beethovens sehr wirkungsvoll vor. Herr Wilhelm Schmitt von der Mainzer Oper(Bariton), ein früherer Schüler unserer Anstalt, sang bereitwilligst die Adelaide und erntete reichsten Beifall. Ebenso fanden begeisterten Anklang die Romanze F-Dur für Violine und Rlavier, vorgetragen von unserem ehemaligen Schüler Herrn stud. paed. Kehrein und dem Unterprimaner Wagschal, und dieDeutschen Tänze, vorgetragen von dem Ober- sekundaner Diehl.

Der hundertsten Wiederkehr des Todestages Johann Heinrich Pestalozzis wurde in unserer Anstalt am Vormittag des 17. Februar 1927 gedacht. Im Nachmittag war auf Anordnung des Landesbildungsamts unterrichtsfrei. Eine gemeinsame öffentliche Pestalozzifeier fand am 26. März 1927 im großen Saale der Stadthalle statt. Herr Prof. Dr. Hellpach von der Universität Heidel- berg hielt die Würdigungsrede. Für den bei dieser Veranstaltung vorgetragenen Sprechchor hatte unser Gymnasium achtzehn Mitwirkende aus den Klassen Untersekunda bis Unterprima gestellt. Viele herrliche sozialpaedagogische Worte sind bei den zahlreichen Pestalozzifeiern gesprochen worden, möchten nun auch die entsprechenden sozialen Taten folgen!

Am 9. September 1926 wurde an unserer Anstalt eine Herbst-Reifeprüfung für Nicht-

schüler unter dem Vorsitz des Herrn Ministerialrats Glückert abgehalten, am 23. September 1926 eine solche für Schüler unter dem Vorsitz des Direktors. Alle Prüflinge bestanden.

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