Jahrgang 
1896
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Wer kann sich dieses erhabenen Schauspiels erinnern, ohne dass ihm das Herz sich weitet vor stolzer Genugthuung und das Auge leuchtet von wehmütigem Freudesglanze?

Und wie umdrängt nun Alldeutschland die Neuvermählten, um ihnen herzliche Glück- und Segenswünsche darzubringen und kostbare Angebinde als Morgengabe zu Füssen zu legen!

Die Gesamtheit der deutschen Fürsten und freien Reichsstädte beut den hochherzigen Verzicht auf wesent- liche Hoheitsrechte, auf dass der neue Reichsbau machtvoll und einheitlich nach innen und aussen dastehe, die Armee gibt Strassburg, des Rheines Juwel, und Metz, den lotharingischen Smaragd, und das unverbrüchliche Gelöbnis, durch Manneszucht und Heldenmut des erweiterten Hauses Frieden zu schirmen immerdar, und das deutsche Volk leistet den Schwur, durch opferfreudige Hingabe und selbstlose Arbeit das neue Gebäude zu einem wohnlichen Heim für alle seine Kinder auszugestalten.

DochTreue um Treue tauschend gelobt auch der Hohenzollernkaiser für sich und seine Nachfolger, unter dem Wahrzeichen alter Herrlichkeit das ihm angetraute Vaterland einer neuen und segensreicheren Zukunft zuzuführen, nicht in dem Sinne der äusseren Machtansprüche des alten Universalreiches, zu deren Verwirklichung gerade in den ruhmvollsten Zeiten seiner Geschichte die Macht Deutschlands zum Schaden seiner inneren Entwicklung eingesetzt wurde, sondern in dem Vorsatze, als deutscher Fürst eines nationalen Ein- heitsstaates der treue Schirmherr aller seiner Rechte zu sein und das Schwert Deutschlands nur zu seinem Schutze zu führen, er gelobte, allzeit Mehrer des Reiches zu sein, nicht an kriegerischen Eroberungen, sondern an den Gütern und Gaben des Friedens, auf dem Gebiete nationaler Wohlfahrt, Freiheit und Gesittung.

Das ist der Wahlspruch bei dem Richtfeste des neuen Reiches, die sichere Gewähr seiner Zukunft.

Auf Recht und Freiheit, Kraft und Treue Erhöhn sie dir den Stuhl aufs neue,

Drum Barbarossas Adler kreist,

Dass du, von Fels zum Meere waltend,

Des Geistes Banner hoch entfaltend,

Die Hüterin des Friedens seist!

Nun steht schon 25 Jahre der stolze Reichsbau. Nach aussen ist er, treu dem Richtspruch, geblieben ein machtvoller Friedensfels im Wogendrang der Völkerbrandung möge es so bleiben immerdar! Im Innern entbrannten zwar nach leidiger Stammesunart schwere Kämpfe geistiger und materieller Art und noch ist ihrer kein Ende; aber Leben heisst ja Kümpfen und selbst bei gottgeschaffenem Werke nisten sich Irrungen ein, wenn es von Menschenhand verwaltet wird. Sollten wir darum aber nicht mit dem gleichen Enthusiasmus wie heute vor 25 Jahren dem wiedererstandenen Reiche zujubeln, heisse Dankbarkeit und feierliche Gelübde darbringen, Erinnerung und Hoffnung weihen? Ja, demütigen Dank zuvörderst:

Dem Gott, der gross und wunderbar Aus langer Schande Nacht uns allen In Flammen aufgegangen war,

Der unsrer Feinde Trotz zerblitzet, Der unsre Kraft uns schön erneut, Und auf den Sternen waltend sitzet, Von Ewigkeit zu Ewigkeit

Heissen Dank aber auch den Helden allen, lebendigen und toten, die mit ihres Geistes Schärfe, ihres Armes Macht, ihres Herzbluts Wärme, ihrer Liebe Kraft das neue Reich errungen, Dank allen, allen!

Aber auch flehentliche Gelübde wollen wir weihen:

Wir wollen sein durch Tugenden bewundert, Geliebt durch Redlichkeit und Recht,

wir wollen üben deutsche Treue und seinein einig Volk von Brüdern, in keiner Not uns trennen und Gefahr, denn:

Nimmer wird dies Reich zerstöret, Wenn ihr einig seid und treu. Drum herbei alle, wess Alters, Standes und Bekenntnisses ihr auch seid, bezwinget den letzten Feind, der im Innern drohend wacht: Hass, Argwohn, Geiz, Neid und böse Lust, sammelt euch unter dem hehren Banner des Reiches, wo Raum für alle zur Bethätigung selbstloser Opferfreudigkeit, wahrer Menschenliebe und jeglicher Tugend.