Jahrgang 
1896
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Und so geschahs. Mit dem grössten aller Siege eröffneten wir den Krieg, dem Siege über uns selber, über den bösen Dämon der Zwietracht und des selbstischen Sondergeistes und schöpften daraus die frohe Zu- versicht, dass Gott nun auch die deutschen Waffen segnen werde in dem Entscheidungskampfe um die heiligsten Güter eines Volkes: seine Ehre, Freiheit und Macht.

Und als nun Germania ihre Söhne aufrief zum Schutze ihrer schwer bedrohten Rechte, da erzitterte die Erde unter dem Marschtritt der Bataillone, dem Stampfen der Rosse, dem Rasseln der Feuerschlünde, dem be- geisterten Kriegsgesang der Nibelungenenkel;Bürger und Bauer, Taglöhner und Edelmann, Gelehrter und Handwerker, die kernhafte Vereinigung deutscher Kraft, deutscher Gesittung und Geistesbildung, trat unter die Waſten in Reih und Glied, Schulter an Schulter, und bildete eine Phalanx, bei deren unwiderstehlichem Anprall sieggewohnte Armeen zerstoben, in deren tosender Brandung uneinnehmbare Riesenfestungen versanken und das welsche Staatsschiff eines kaiserlichen wie republikanischen Regimes unterging.Hie Gott und deutscher Zorn, das war die Losung, das war das Feldgeschrei.

Und die thatenfrohe Ausdauer und kampfglühende Begeisterung unserer Armee draussen im Felde hatte den festesten Rückhalt an dem gleichen selbstlosen Enthusiasmus und bereitwilligen Opfermut aller in der Heimat. Auf den Wogen der Volksstimmung wurden unsere braven Streiter in das Feindesland getragen zu ruhm- gekröntem Sieg.

Die Fahnentreue unserer Fürsten, die patriotische Begeisterung des norddeutschen Reichstags und der einzelnen Ständekammern, die einmütige Sprache der Presse und Tageslitteratur, die unbesehene Hingabe von Hab und Gut bei reich und arm, die heroische Fassung der Zurückbleibenden beim Scheidegruss des Bruders, Sohnes, Gatten oder Vaters, die zahllosen Akte hilfsbereiter Liebe und wunderthätiger Barmherzigkeit, sie alle, alle gaben die unauslöschlich heisse Liebe zum gemeinsamen Vaterlande kund.

Und aus dieser erhabenen Einmütigkeit von Fürst und Volk, von allen Ständen, Geschlechtern und Altern, hätte kein einiges deutsches Vaterland hervorgehen sollen; den Bund der Bruderstämme, der die heilige Weihe der Blut- und Feuertaufe auf den Schlachtfeldern des Erbfeindes empfangen, hätte die Diplomatie der Regierungen abermals stören, was Gott zusammengefügt, hätten die Menschen wieder trennen sollen? Nein, nein!

Nun wirf hinweg den Witwenschleier, Nun gürte dich zur Hochzeitsfeier,

O Deutschland, hohe Siegerin Die Zeit der Trauer ist dahin.

Germania, die Jahrhunderte lang am durchgeborstenen Herde im Staube gesessen, tiefgebückt, das Aschen- brödel im Völkerrate, sie hatte abgeworfen die Hülle der Erniedrigung, die Zwietracht, Neid und Bosheit um ihren hehren Leib gelegt, und zur Riesin umgewandelt, das Mark der Nibelungen in den Gliedern, der Welt zum Staunen den Platz zurückgefordert, der ihr gebührt.

Denn ein Königssohn aus edlem Geblüt, ein Hohenzollernspross, hatte die demütige Maid aus ihrer Dienst- barkeit erlöst, mit seinem ritterlichen Schwerte im Gottesurteil des Zweikampfes die Verunglimpfung ihrer Ehre gerächt und sie zur Siegerin über ihre hämischen Neider erhoben.

Und nun trat er vor sie hin, die schwertgegürtete Heldenjungfrau, und empfing im Angesichte der staunenden Welt, im Lande ihres grimmen Peinigers, dessen stolze Hochburg, umzüngelt von der Waberlohe verderbensprühender Feuerschlünde, schmählichem Falle nahe war, als gerechten Lohn für seine treue Minne ihre Hand zu ewigem

Herzensbunde.

In dem Prachtschloss der Bourbonen Stieg der Rache Tag herauf, Unterm Donner der Kanonen Nimmt das Weltgericht den Lauf! Wo einst welsche List und Ränke Deutschland raubte Ehr und Land, Schrieb ein ewigesGedenke! Der Geschichte Rächerhand.

(M. Jhering.)

Umrauscht von Orgelton und Glockenklang, vom Heilruf der deutschen Fürsten und Frohlocken der deutschen Völker, wurde am 18. Januar 1871 im Spiegelsaale des Schlosses Ludwigs XIV. das Bündnis des Zollernhauses

mit Germania, die Vermählung von Kaiser und Reich eingesegnet und des Himmels Huld und Gnade in heissem Flehen anempfohlen.