11 und in der Drohung gekennzeichnet, die er an dieselbe Adresse richtete:„Ihr habt es vor Gott und der Welt zu verantworten, wenn unsere Arbeit umsonst gethan ist und noch einmal gethan werden muss“.
Und was der alte Blücher prophetischen Auges geschaut, ist buchstäblich in Erfüllung gegangen: Der durch Bruderzwist und Misstrauen, Neid und Eifersucht gelähmte deutsche Bund wird abermals von dem räube- rischen Frankreich belauert. Dasselbe Frankreich, das die Phantastereien des französischen Weltreiches nach dem Sturze Napoleons I. verlachte, dasselbe sehen wir bald darauf unter jeder Regierungsform denselben Weg roher Vergewaltigung wandeln.
Was jedoch von 1815— 1851 mehr frommer Wunsch oder vorsichtiges Tasten geblieben, das wurde unter dem zweiten Kaiserreich zu einem förmlichen System, zu einer zielbewussten Methode umgewandelt und auf seine Brauchbarkeit geprüft.
Und es schien, als ob der Erfolg die Lauterkeit dieser Staatsraison bekräftigen wollte. Nachdem Louis Napoleon durch berechnende Klugheit alle Stände Frankreichs an seine Sache gefesselt, umschmeichelte er ihre nationale Eitelkeit, indem er Frankreich die militärische und politische Diktatur in Europa verschaffen wollte. Um Rache zu nehmen an den Verbündeton von Waterloo, werden im Krimkriege die Russen, im italienischen Kriege die Osterreicher empfindlich gedemütigt und dann sollte auch das verhasste Preussen an die Reihe kommen.
Aber das Mass des Abenteurers war voll zum Ueberlaufen und die Weltgeschichte ward zum Weltgerichte.
Von 1860 an will kein auswärtiges Unternehmen mehr glücken und auch die inneren Schwierigkeiten nehmen zu. Vergebens sind die Versuche, das Prestige von 1859 ungeschmälert zu bewabren und das alternde Kaisertum vermittels der Freiheit eines abgenötigten Konstitutionalismus zu verjüngen, Demütigungen hier, Miss- erfolge dort. Die böse Saat des Jahrhunderte langen Ränkespiels einer verbrecherischen Diplomatie geht auf in den Herzen eines ganzen Volkes, bei Herrschern und Beherrschten das nationale Gewissen verwirrend und die Achtung vor fremdem Rechte raubend. Verzweifelt wie ein unglücklicher Spieler setzt Napoleon alles auf eine Karte, die ganze Nation ruft mit ihm: va banque, die Kugel rollt und—„Verloren“ tönt es gellend über das Erdenrund. Verloren!
Die zielbewusste Klarheit und mannhafte Festigkeit der preussischen Diplomatie und ihres Hauptträgers Bismarck trägt den Sieg davon über Napoleons equilibristisches Gaukelspiel vom freien Selbstbestimmungsrecht der Völker und seinen eigenen frechen Gelüsten nach fremden Landesgebieten.
Die deutsche Frage war als Machtfrage in dem kurzen Feldzuge von 1866 zu Gunsten Preussens entschieden, der norddeutsche Bund als Hüter von Deutschlands Selbstbestimmungsrecht und seiner nationalen Ehre erstanden und mit den süddeutschen Staaten ein Schutz- und Trutzbündnis geschlossen, dessen Festigkeit von Tag zu Tag zunahm.
Das Vertrauen, welches das preussische Volk mit seiner siegreichen Monarchie verband, übertrug sich auch auf die Regierungen und Völker Süddeutschlands, als sie Zeuge wurden der redlichen Vertragstreue, der deutsch- patriotischen Gesinnung und hoheitsvollen Festigkeit, mit der Preussen allen Lockungen und Kriegsdrohungen der Sirene am Seinestrand mannhaft widerstand.
Die Sehnsucht der Gebildeten nach nationaler Zusammengehörigkeit aller Stämme und die wirtschaftliche Interessengemeinschaft knetete den Kitt, der den Norden mit dem Süden verbinden sollte, und die Eroberungs- sucht Frankreichs verhärtete ihn zu unauflösbarer Festigkeit.
Das„Divide et impera“ Napoleons wurde zu Schanden gemacht, sein Glaube an die Zauberkraft dieser Maxime sein Verhängnis.
Denn die ruchlose Art des Friedensbruches durch Napoleon, ein Gemisch von Brutalität, diplomatisch- geschmeidiger Arglist und gleissnerischer Scheinheiligkeit, entfesselte in allen deutschen Herzen einen solchen Sturm der Entrüstung und des gerechtesten Zornes gegen die Priedensstörer, die friedliebende Festigkeit aber, die soldatische Gradheit und würdevolle Mannhaftigkeit des Preussenkönigs Wilhelm einen solch elementaren Ausbruch vaterländischer Erhebung und selbstloser Begeisterung, dass aus 40 Millionen deutscher Herzen ein
Gedanke und ein Wille sprach, verkörpert in dem Liede des Krieges und des Sieges: „Lieb Vaterland, magst ruhig sein, Fest steht und treu die Wacht am Rhein“, dass 40 Millionen deutscher Herzen wie ein elektrischer Funke die Erkenntnis durchzuckte: Gegründet ist die
deutsche Nation, erfüllt der Sehnsuchtsgedanke von Menschenaltern, geschaffen die Einheit unseres Vaterlandes. „Vorbei ist die Ohnmacht der früheren Zeit, Der Hader der Stämme, der zehrende Neid, Als Brüder stehn treu wir zusammen.“ (Marie Jhering.)


