Jahrgang 
1894
Einzelbild herunterladen

LIV. Zur Chronik der Anstalt.

Am 12. August, dem Schlusse des Sommerhalbjahrs 1893, wurden bei einer Schulfeier den Abiturienten die Reifezeugnisse übergeben.

Während der Herbstferien erlitt die Anstalt durch den Tod des Gymnasiallehrers Georg Volger einen schweren Verlust. Schon längere Zeit die Keime einer schweren Erkrankung in sich tragend, zog es ihn beim Beginn der Ferien in die Heimat zum Besuch des väterlichen Hauses in Markoldendorf; auf der Rückreise nach Mainz begriffen, erhoffte er in Göttingen von der ärztlichen Kunst die ersehnte Genesung zu erlangen. Aber seine Lebeuskräfte waren bereits aufgezehrt und die ärztliche Kunst vermochte nur das baldige Ende zu erkennen, das schon am folgenden Tage, am 30. August 1893, eintrat. Tief betrauert von dem Lehrerkollegium und seinen Schülern wurde der Verblichene am 2. September auf dem hiesigen Friedhof beerdigt; wer von den Lehrern und Schülern hier anwesend war oder von dem Ferienaufenthalt herbeieilen konnte, beteiligte sich an dem Leichen- begängnis, um Zeugnis dafür abzulegen, dass ein biederer, liebenswürdiger Kollege, ein gewissenhafter und treuer Lehrer, ein warmer Freund der Jugend dahingegangen, dem die Anstalt, an der er 9 Jahre in unermüd- lichem Pflichteifer und mit dem schönsten Erfolge gewirkt hatte, ein gutes Andenken bewahrt.

Das Winterhalbjahr begann am 18. September. In das Lehrerkollegium trat ein der zaithorige Lehrer an der Realschule und dem Progymnasium in Friedberg, Dr. Hugo Willenbücher.

Dem seit Mai 1893 wegen schwerer Erkrankung beurlaubten Lehrer an der Vorschule, Wilhelm Schmidt, wurde der Urlaub verlängert und der seitherige Stellvertreter, Lehramtsassessor Dr. Emil Schwarz mit der ferneren Vertretung beauftragt. Auch hier trat die unter der mütterlichen Pflege in der Heimat, in Lich, erhoffte Genesung nicht ein; schon am I. Oktober erlag er in einem Alter von 28 Jahren der tückischen Krankheit, die er mehrere Jahre mit der Ruhe eines Weisen ertragen, der das Ende in Ergebenheit erwartet und in der Ausübung seiner Pflichten nicht nachlässt. An unserer Vorschule hat er seit dem 9. Oktober 1889 mit vielem Erfolge gewirkt. Bei der Beerdigung in Lich legte im Namen der Anstalt sein Kollege Dexheimer einen Kranz auf das Grab als ein Zeichen unserer dauernden dankbaren Gesinnung.

Durch Allerh. Dekret vom 27. September wurde der provisorische Religionslehrer Jos. Joh. Bapt. Heinrich zum Gymnasiallehrer ernannt.

Vom 3. November bis einschliesslich 28. Februar musste infolge der Einführung der mitteleuropäischen Zeit der Unterricht morgens um 8 ½ Uhr begonnen werden.

Am 9. November und am 26. April besichtigten die Herren Geh. Staatsrat v. Knorr und Geh. Ober- schulrat Soldan sowohl das neue, wie das alte Gymnasium.

Den Gymnasiallehrern Dr. Drescher und Dr. Munier wurde von Sr. Kgl. Hoheit dem Grossherzog am 11. November der Charakter als Professor erteilt.

Am 25. November wurde das Geburtsfest Sr. Kgl. Hoheit durch ein Schulfest gefeiert, wobei Prof. Dr. Drescher die Festrede hielt. Dem Unterzeichneten wurde vom Landesherrn das Ritterkreuz 1. Kl. des Ver- dienstordens Philipps des Grossmütigen allergnädigst verliehen.

Während der Monate November und Dezember wurde durch viele Erkrankungen(Influenza) von Lehrern und Schülern der Unterrichtsbetrieb empfindlich gestört.

Der seither hier thätige Lehramts-Accessist Lucius wurde am 4. Dezember zur Verwaltung einer Lehrer- stelle an die Realschule nach Alsfeld berufen.

In hergebrachter Weise feierte am 27. Januar die Anstalt das Geburtsfest Sr. Majestät des deutschen Kaisers; Prof. Dr. Munier hielt die Festrede.

Der zur Theilnahme am Turncursus nach Darmstadt einberufene Gymnasiallehrer Freund musste vom 12. Februar bis zum Ende des Winterhalbjahrs vertreten werden, wobei der Lehramtsassessor Steinmetz die Mehrzahl der Stunden übernahm.

Die Abiturienten von IaO führten am 14. Februar vor den geladenen Eltern und anderen Schulfreunden in unserm Gesangssaal denKönig Ödipus mit Benützung der Bellermann'schen Musik auf. In der am Tage vorher abgehaltenen Hauptprobe hörten die Schüler der obersten Klassen zu.

Durch Allerhöchstes Dekret vom 10. Februar wurde mit Wirkung vom 1. April an der Gymnasiallehrer Dr. Wamser an das Ludwig-Georgs-Gymnasium nach Darmstadt versetzt.

Unsere Osterferien währten vom 18. März bis zum 8. April. Am 17. März wurden den Abiturienten in einer Schlussfeier die Reifezeugnisse übergeben; vorher führte der Gesangschor das MelodramColumbus von Becker auf.