Jahrgang 
1928
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Grundsätzlich war die Schule von dem Bestreben geleitet, alle Veranstaltungen zu vermeiden, die große Kosten verursachen konnten; so wurde von einem Festessen abgesehen. Der Verein der ehemaligen Gymnasiasten erhob von den Festteilnehmern einen Festbeitrag von 5 RM.; die hiesigen Zeitungen veröffentlichten kostenlos alle Bekanntmachungen und Zeitungsberichte; der Besitzer der Oberhessischen Zeitung, Herr Dr. Hitzeroth, früher selbst Lehrer am Gymnasium, half uns bei der Benachrichtigung in fremden Blättern. Der Buch- druckereibesitzer Bauer, ein ehemaliger Schüler, lieferte fast kostenlos die Drucksachen; unser Zeichenlehrer Herr Willgerodt schuf 2 künstlerische Postkarten mit dem Gymnasium vor 400 Jahren und jetzt, bei deren Verkauf etwas Gewinn gemacht wurde, ebenso wie bei dem eines hübschen Festabzeichens ein Brustbild Philipps des Großmütigen und der kleinen Festschrift. Die städtischen Kollegien stellten uns den Betrag von 400 RM. zur Verfügung, um die Unkosten zu decken. So konnten wir in dieser Beziehung sorgenlos dem Fest ent- gegensehen. Es begann Sonntag, den 29. Mai, abends mit einem Empfangsabend in den festlich geschmückten Stadtsälen: die Forstverwaltung hatte uns hierfür wie für den Schmuck des Gymnasialgebäudes zu billigem Preis Tannengrün zur Verfügung gestellt; die einzelnen Klassen hatten sich neue Fahnen in den Farben der Klassenmützen angeschafft. An den Säulen und auf Tischen war ausgestellt, was wir an alten Gruppenbildern von Schülern sowie von früheren Lehrern auftreiben konnten. Die Schule und die Universität hatten geflaggt, dem Beispiel waren die Studentenhäuser und viele Häuser der Stadt gefolgt. So kam in den engen Gassen ein wirkliches Festbild zustande.

Der Abend wurde eröffnet und geleitet von dem Vorsitzenden desVereins Herrn Justizrat Bork; an ihm nahmen außer zahlreichen ehemaligen Schülern, von denen sehr viele mit ihren Frauen und Töchtern erschienen waren, die drei oberen Klassen, das Lehrerkollegium und eine Anzahl von Freunden der Schule teil, von denen der Vizepräsident des Provinzial- schulkollegiums Herr Geheimrat Dr. Borbein vom Vorsitzenden besonders begrüßt wurde. Viel Anerkennung fand der Schüler-Orchesterverein, der nicht nur die Lieder begleitete, sondern auch für sich Darbietungen bot. Viel Beifall fand auch eine Aufführung einer von den Primanern selbst ausgesuchten ich weib nicht, ob ich sagen soll Burleske oder Travestiedie ver- kürzte Jungfrau von Orleans, die van Bürck OI vortrefflich eingeübt hatte.

Es war wunderhübsch zu beobachten, wie sich allmählich die alten Freunde, die sich z. T. erst mit Nachhilfe gegenseitig erkannten, zur heiteren, früheren Jugendgenossenschaft zusammenfanden, mit welcher Liebe sie an den Erinnerungen harmlosester Kinderfreuden hingen, wie sich die Momente kindlicher Heiterkeit besonders über Fälle, wo sie den Lehrer genas- führt hatten, wieder vordrängten und dabei doch ausnahmslos die Ehrfurcht vor den alten Lehrern sich beherrschend geltend machte. Besonders tief saßen Liebe und Verehrung für den langjährigen Direktor, Geheimrat Münscher, stets genannt mit seinem Beinamen Warch, aber auch die anderen längst verstorbenen Lehrer fanden überall rühmende Erinnerung.

Man ist heute gewöhnt, die Snobs in Zeitungen und Literatur mit Verachtung von ihrer Schulzeit reden zu hören, die dem hochfliegenden Geist genialischer Jugend nur Hemmung, nie Förderung gebracht habe; und ich sah mit einer gewissen Befürchtung der Entwicklung des Abends entgegen. Hier war von diesem Geist nichts zu spüren. Man merkte überall, wie die auf der Schule verbrachte sorglose Jugendzeit, der man sich bewußt war an Bildung und Erziehung fürs Leben so viel zu verdanken, leuchtend und erwärmend in die Gegenwart und das Alter hineinragte. Man schwelgte in der Erinnerung daran, wie man der Disziplin ein Schnippchen geschlagen, aber nicht ein einziger Ton von Bosheit und Schärfe wurde laut. Einen ergötzlichen Anblick bot der Saal mit all den meist mit Primanermützen geschmückten, zum Teil stark ergrauten oder gelichteten Häuptern.

Reizend war auch der Anblick unserer Schüler, die mit Ehrfurcht und doch einem leisen Gefühl der Kameradschaftlichkeit unter den Alten weilten. Das Bild der Obersekundaner war ergötzlich, die teilnehmen durften und an einem eignen Tisch sich des Genusses von Bier und Zigaretten, deren Rauch im Wetteifer in kunstvollen Ringen in die Luft geblasen wurde, furchtlos in Gegenwart von Direktor und Lehrern, so recht von Herzen freuten.

Wenn einer der Alten das Wort ergriff, um von längst entschwundener Jugendzeit nicht sentimental zu schwärmen, sondern mit jungenshaftem Behagen zu plaudern, so sammelte sich um ihn strahlend und andächtig die Jugend. Es war ein harmonischer Auftakt.