Jahrgang 
1913
Einzelbild herunterladen

14

würden wir als arme Bettler abgewiesen werden müssen. Selig werden können wir nur durch den Glauben an Jesum Christum unseren Heiland.

Aber unsere Werke können und sollen uns nachfolgen. Gott will seinen Segen auf jedes treue Tun legen, und dann geht es nicht verloren. Im Wirken eines Menschen prägt sich seine Persönlichkeit aus, so wie sie in Wahrheit ist. Und so gewiß die Persönlichkeit niemals stirbt, so gewiß ist auch das, was einer jeden Persönlichkeit ihr eigenartiges Gepräge gab, ewig unverloren. Ihre Werke folgen ihnen nach. Das gilt auch von dem Heimgegangenen. Man mochte mit manchem von dem nicht einverstanden sein, was Direktor Aly tat. Aber er war eine starke Persönlichkeit. Das hat sich allen, die mit ihm in Berührung kamen, auch allen seinen Schülern in den langen Jahren seiner Arbeit eingeprägt, und das bleibt!

Solche Persönlichkeiten hinterlassen tiefe Lücken. Am tiefsten naturgemäß bet denen, die am engsten mit ihnen verbunden waren. Will diese Lücke Ihnen, hochverehrte Frau Direktor, gar zu schmerzlich und unausfüllbar erscheinen, so denken Sie: selig sind die Toten, die in dem Herrn sterben. Und die echte Liebe sucht ja nicht das Ihre, auch nicht die trauernde Liebe.

Wir aber stehen und sehen ihm nach; viele in Dankbarkeit für empfangenes Gute, wir alle in tiefem Ernst. Gott hält uns allen durch diesen Sarg eine gewaltige Predigt. Wenn der tote Direktor, dessen Sarg nun hier an derselben Stelle steht, von welcher aus er im Leben so oft gesprochen hat, noch einmal zu uns reden könnte, was würde es sein, das er zu sagen hätte? Etwa dies:Seid treu; arbeitet; wirkt so lange es Tag ist; wachet, denn Ihr wißt nicht, wann der Herr kommt; suchet Gott, solange er zu finden ist, damit Ihr, wenn er ruft, im Vertrauen auf ihn dahingehen könnt. Amen.

Nach ihm sprach mit gleicher Wärme der 1. Religionslehrer der Anstalt, Herr Ober- lehrer Dr. Klee, vornehmlich über die Verdienste des Verstorbenen um die Schule, die Wissenschaft und den Lehrerstand. Wir lassen seine Rede folgen.

Abschiednehmen, Scheiden, das sind Worte, die im Menschenherzen ein ernstes, wehmütiges Gefühl wachrufen. Und doch hoffen wir sonst den gesund wiederzusehen, der aus unserer Mitte scheidet und sagen zu ihm: Auf Wiedersehen! Anders noch klingt dieses Wort, wenn es heißt: Abschied nehmen von diesem Leben, scheiden von dieser Erde, von denen, die uns lieb und wert gewesen sind, von dem Amt und Beruf, in welchem man treu gedient hat. So ist jetzt der Tod finsteren Schrittes in unseren Kreis getreten und hat als die lebensfeindliche, unheimliche Macht seine harte Hand ausgestreckt nach einem Manne, der noch in der Vollkraft seines Schaffens und Wirkens stand. Dem Entschlafenen, Herrn Direktor Dr. Aly, hat das Leben Mühe und Arbeit in reicher Fülle gebracht, aber damit zugleich die Befriedigung, die jede ehrliche Arbeit gewährt. Der Verblichene fand sein höchstes Glück in der Tätigkeit. Eine unermüdliche Arbeitslust und ein rastloser Drang, in der Welt etwas zu leisten, waren die bezeichnendsten Merkmale seiner Natur. Mit Stolz und Freude nannte er sich stets ein Mitglied des Standes, dem er angehörte. Lange Jahre hindurch hat er furchtlos für die äußeren Rechte der preußischen Oberlehrerschaft gekämpft; mit noch größerem Nachdrucke aber betonte er sodann, daß den äußeren Ansprüchen auch die inneren Leistungen des Standes entsprechen müßten. Der Lehrer muß für seine Person immer weiter lernen und weiter forschen und in seinem Fache ständig mit den neueren Ergebnissen der wissenschaftlichen Forschung bekannt sein, so lautet sein erster didaktischer Grundsatz in seiner letzten, im Jahre 1911 erschienenen paedagogischen SchriftGeschichte des preußischen höheren Schulwesens, und dieser An- forderung suchte in erster Linie er selbst in unablässigem Streben gerecht zu werden. Ja, die wissenschaftliche Arbeit hat er öfter als den eigentlichen Brunnquell seines Lebens be- zeichnet, aus dem er immer wieder Frische und Jugend schöpfte. Seine Untersuchungen über die Naturgeschichte des älteren Plinius, seine Schriften über Cicero, seine römische Literatur- geschichte, sein sinniges kleines Werk über Horaz legen Zeugnis ab von diesem seinem ernsten Schaffen. Näher bestimmte seine besondere Wirksamkeit für die höhere Schule nun seine heiße Liebe zur Welt der Alten, zur Welt der Griechen und Römer. In ihm lebte ein Stück vom Humanisten alten Stils: Athen und Rom waren ihm gleichsam heilige Stätten. Wenn unser deutsches Volk nicht geistig verarmen wolle, müsse es immer wieder zu diesen Urquellen