Jahrgang 
1913
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Wir stehen an diesem Sarg, traurig und erschüttert; aber nicht als rat- und hoffnungs- lose Leute; nicht wie die, welche die zu Boden gekehrte erlöschende Fackel als ihr Symbol erwählen dieses Bild tiefster Hoffnungslosigkeit und vollkommener Resignation. Nein, wir stehen auch an diesem Sarg als Christen, die sich von einem jäh auslöschenden Leben nicht nach unten, sondern nach oben weisen lassen. Davon zeugt das verlesene Textwort, das die Gattin des Verstorbenen sich und uns für diese Stunde erbeten hat. Es ist kein Wort der Klage, sondern der getrosten Zuversicht, das die Toten nicht bejammert, sondern selig preist. Selig sind die Toten, die im Herrn sterben, von nun an. Diesesvon nun an zieht eine scharfe Grenze zwischen christlichem und vorchristlichem Denken. Ohne Christus: ein Grauen vor dem Tod; im besten Fall: ein stoischer Heroismus. Seitdem Christus dem Tode die Macht genommen und sich als lebendigen Heiland erwiesen hat: ein Still- und Starksein, was des langen Todes Nacht mir auch für Gedanken macht. Ohne Christus: eine große Ratlosigkeit angesichts manches schweren dunklen Schicksals; seit Christus: das Bewußtsein von einer gnädigen Vaterhand, die über allem waltet. Des himmlischen Vaters Wille hat auch über diesem Sterben gewaltet, voll guter, gnädiger Gedanken. Fällt kein Haar von uuserem Haupt und kein Sperling vom Dach ohne dieses Vaters Willen, wieviel weniger darf ein Schlaganfall einen wertvollen Menschen hinwegraffen, ohne daß Gott dabei seine Gedanken hat. Selig sind wir, wenn wir das im Glauben festhalten können: was Gott tut, das ist wohl- getan, es bleibt gerecht sein Wille.

Aber unser Text preist ja nicht uns, die Zurückbleibenden, selig, sondern sie, die im Tode von uns gehen, und denen wir oft so traurig nachblicken. Nicht alle. Es heibt: selig sind die Toten, die im Herrn sterben. Selig die, welche Besseres und Wertvolleres in sich tragen, als dieses vergängliche Leben zu bieten vermag; selig die, welche innerlich in Gott wurzeln und darum nicht entwurzelten Bäumen gleichen müssen, wenn dieses irdische Leben aufhört, uns zu speisen und zu tränken; selig der, welcher über allem Suchen und Ringen nach guten, edeln Perlen die eine köstliche Perle nicht vergißt. Der Verstorbene wußte, wie nötig er seinen Gott und Herrn hatte. Trotzdem er auf den Höhen geistiger Bildung stand, kannte er etwas von jenem tiefen Verlangen nach noch besserem Gut. Durch seine regel- mäbige Teilnahme an den sonntäglichen Gottesdiensten hat er dafür ein lautes und deutliches Zeugnis abgelegt; in vertrautem Kreis hat er's gern ausgesprochen, wie es ihm ein Bedürfnis sei, sich von dort her immer wieder ein Stückchen Gottessegen für die Wochenarbeit mitzu- nehmen. Nur wer in und mit Gott lebt, kann auch mit Ihm sterben, und selig sind die Toten, die im Herrn sterben.

Für sie ist der Schritt durch die dunkele Todespforte nicht ein Schritt in die Nacht hinaus, sondern ein Eingehen in die Heimat, ein Heimkommen zum großen Feierabend, ein Ausruhen von der Arbeit dieses Lebens. Das ist nun auch für ihn gekommen, um den wir hier trauern. Seine Arbeit im einzelnen zu schildern, ist nicht meine Aufgabe. Nur im all- gemeinen soll daran erinnert werden, wie gern und wie viel er gearbeitet hat. Seine Arbeit war die schönste von allen, die es gibt: Die Arbeit an Menschen, die Arbeit an jungen Seelen. Wie gern hat er sie getan! Wie lag sie ihm am Herzen! Wie tief war er davon überzeugt, daß das, was die ihm anvertrauten jungen Leute nötig haben, nicht nur Geisteskultur sein dürfe, sondern zur Charakterbildung werden müsse! Wie gern hat er dabei jedem einzelnen seiner Schüler helfen wollen, wenn auch seine ganze Art es dem einzelnen oft so schwer machte, recht an ihn heranzukommen! Ihr jungen Leute habt es wohl gar nicht gewußt, wie warm sein Herz schlug, trotz der Rauheit, mit welcher er sich oft umgab. Wenn er hörte, daß man unter den Schülern seine Gerechtigkeit rühmte, dann sagte er wohl:Ach, wenn sie wüßten, wie wenig man mit Gerechtigkeit allein erreicht, wenn die Liebe fehlt.

Nun ist für all' sein treues Arbeiten und tüchtiges Wollen der Feierabend gekommen und das große Ausruhen, davon unser Text spricht. Und seine Lebensarbeit? Sie wird nicht verloren sein.Ihre Werke folgen ihnen nach. Achten wir wohl auf den feinen Zug in diesem Wort unseres Textes! Es heißt nicht: ihre Werke gehen iknen voran; nicht so, als müßte uns dadurch etwa erst der Zugang zur Seligkeit aufgetan werden. Ach nein; auch unser bestes Tun bleibt armes Stückwerk vor dem heiligen Gott. Wenn wir weiter nichts zu bringen hätten, als unsere Werke, wenn wir einst an die Tore der Ewigkeit anklopfen, dann