Jahrgang 
1890
Einzelbild herunterladen

19

In der Woche vom 11. bis zum 16. November schrieben die Oberprimaner unter Auf- sicht ihrer Lehrer sog. Tentamenarbeiten.

Am 24. November 1889, als dem letzten Sonntag des Kirchenjahres, hatte der Sänger- chor unseres Gymnasiums die Ehre, auf die Bitte des ersten reformierten Geistlichen, des Herrn Pfarrers Scheffer, die Gesänge bei einer in der reformierten Kirche abgehaltenen liturgischen Abendandacht ausführen zu können. Die Schüler unterzogen sich dieser für einen Schülerchor nicht ganz leichten Aufgabe unter Leitung unseres Gesanglehrers Müller in recht braver Weise und ernteten den wohlverdienten Dank der die Kirche bis zum letzten Platz füllenden Gemeinde.

Am 18. December gab der unter den Schülern bestehende und von Hrn. Musikmeister Noack geleitete Musikverein in der Aula eine musikalische Abendunterhaltung. Das Programm war ein sehr reichhaltiges und gewähltes, und die Leistungen der jugendlichen Künstler erfreuten sich von Seiten der zahlreich erschienenen Zuhörer der grössten Anerkennung.

Am 20. December traf eine Verfügung des K. Prov.-Schulkollegiums vom 19. December hier ein, des Inhalts, dass der Herr Minister der geistl. etc. Angelegenheiten dem 1. Oberlehrer der Anstalt Dr. Karl Weidenmüller den Titel»Professor« verliehen habe. Der Direktor

versammelte am folgenden Morgen in der Turnhalle die Aula war schon für die an demselben Abend bevorstehende Weihnachtsfeier hergerichtet Lehrer und Schüler und überreichte mit

einigen Worten, in denen er in seinem und der Anstalt Namen seine Freude und seine Glück- wünsche aussprach, dem Dr. Weidenmüller das Patent über die ihm verliehene Auszeichming.

Sonnabend den 21. December beging das Gymnasium in der nun seit 5 Jahren fest eingebürgerten Weise seine liturgische Weihnachtsandacht in der mit zwei reichverzierten brennenden Ghristbäumen und mit Weihnachtstransparenten geschmückten Aula. Der Sänger- chor trug, abwechselnd mit dem Gesang von Kirchenliedern durch die Schulgemsinde, passende Motetten vor, welche der Direktor durch das Vorlesen der entsprechenden Stellen aus den Pro- pheten und Evangelien, sowie durch Gebet und Segensspruch liturgisch begleitete. Zu unserem Bedauern konnten auch dies Mal wegen des beschränkten Raumes der Aula ausser den Gymnasiasten und Vorschülern nur die Angehörigen der Lehrer an der schönen Feier teilnehmen. Die vierzehn- tägigen Weihnachtsferien dauerten vom 23. December 1889 mittags bis zum 6. Januar 1890.

Am 7. Januar verbreitete sich in unserer Stadt die Trauerkunde von dem an diesem Tage in Berlin unerwartet rasch erfolgten Hinscheiden der Kaiserin Augusta, der treuen, langjährigen Lebensgefährtin unseres unvergesslichen Kaisers Wilhelms IJ. Am Morgen des folgenden Tages, am 8. Januar, versammelte der Direktor die Lehrer und Schüler zu einer Trauerfeier und gedachte in seiner Ansprache der hohen Tugenden und namentlich der auf- opfernden Thätigkeit der Hochseligen Färstin zur Verbesserung der Lage der Bedrängten, der Armen und der Kranken, durch welche ihr Name als einer der hervorragendsten Pflegerinnen christlicher Liebe für alle Zeiten in ihren Stiſtungen und in dem Andenken einer dankbaren Nachwelt fortleben wird.

Schon während der Ferien hatte ein böser Gast in unsern Mauern seinen Einzug ge- halten, die in raschem Zuge alle Weltteile durcheilende Influenza. Auch Lehrer und Schüler des Gymnasiums wurden in so grosser Anzahl von der Krankheit ergriffen, dass während der ersten drei Schulwochen des Jahres fortwährend die Aussicht auf plötzlichen Schulschluss über uns schwebte und, da auch die schon früher ergriffenen, aber noch nicht völlig w ieder genesenen Lehrer nicht zu weiteren Leistungen herangezogen werden konnten, ein Teil der Lehrstunden ausgesetzt werden musste. Doch ging durch Gottes gnädige Fügung die Gefahr an uns vorüber: