Jahrgang 
1890
Einzelbild herunterladen

18

in der Aula das Sedanfest. Der Oberprimaner Rosenfeld hielt dabei eine Rede über das Leben des Feldmarschalls Grafen Moltke. Am Nachmittag dieses Tages wurden bei schönstem Herbst- wetter von allen Ordinarien mit ihren Klassen Spaziergänge in die nähere und fernere Umgebung unserer Stadt gemacht. Als gegen Abend die fröhliche Jugend, welche sich an Turnspielen und Gesängen erfreut hatte, zurückkehrte, erglänzten die Anhöhen in weitem Umkreis vom Scheine der lodernden Freudenfeuer.

Für die letzte Woche des Sommersemesters war der Wiss. Hilfslehrer Klincksieck beurlaubt, um auf der Nationalbibliothek zu Paris Studien für eine wissenschaftliche Arbeit zu machen. Während dieses Sommersemesters wurden wegen allzu grosser Hitze die Nachmittags- stunden an 2 Tagen, nämlich am 6. und 7. Juni ausgesetzt. Mit dem Schluss des Sommer- semesters endigte das Probejahr des Kandidaten Sieke, welcher nunmehr Marburg verliess, um zunächst eine Hauslehrerstelle auf dem Lande anzutreten. Die zweiwöchentlichen Herbst- ferien dauerten vom 28. September bis zum 12. Oktober..

Am Montag den 14. Oktober fand die Eröffmung des Wintersemesters in der üblichen Weise durch eine gemeinsame Andacht, durch Vorlesung und Erläuterung der Schul- ordnung, sowie durch die Verpflichtung und Aufnahme von 8 neu eintretenden Schülern statt. Nit dem nämlichen Tage begannen ihre Thätigkeit am Gymnasium die zur Ableistung ihres pädagogischen Probejahres hierher überwiesenen Kandidaten des höheren Schulamts Dr. Paul Hagen*) und August Krämer**).

Freitag den 18. Oktober, als am Geburtstage Weiland Sr. Majestät des Kaisers und Königs Friedrichs III., wurden die Lektionen um 3 Uhr nachmittags geschlossen. Darauf ver- sammelten sich Lehrer und Schüler in der Aula und hielten mit Bibellektion, Gebet,(horgesängen und einer Ansprache des Direktors eine Gedächtnisfeier für den Hochseligen Kaiser ab.

Sonntag den 27. Oktober gingen die evangelischen Lehrer und Schüler des Gymnasiums je nach ihrer Konfession in der reformierten oder lutherischen Kirche zum heiligen Abend- mahl. Donmnerstag den 31. Oktober wurde der Untericht aller Klassen um 10 Uhr vormittags geschlossen. Sodann versammelten sich die evangelischen Lehrer und Schüler in der Aula, um in herkömmlicher Weise durch Bibellektion, Gebet und Gesang eine Gedenkfeier der Reformation zu begehen. In seiner Festrede behandelte der Oberlehrer Loeber Luthers Persönlichkeit als Vorbild für einen evangelischen(hristen.

*) Paul Hagen,I geb. am 24. April 1864 zu Lübeck, evangelischer Konfession, besuchte das Gymnasium seiner Vaterstadt und studierte sodann seit Ostern 1883 in Marburg, Leipzig, Bonn und Kiel klassische und deutsche Philologie. Am 4. Januar wurde er auf Grund seiner Dissertation»Quaestiones Dioneae« in Kiel promoviert, bestand am 7. Juli 1888 daselbst die Prüfung für das Schulamt an höheren Schulen und wurde durch Verf. des Kgl. Prov.-Schulkollegiums zu Cassel vom 20. August 1889 dem hiesigen Gymnasium zur Ableistung des pädagogischen Probejahres überwiesen.

**r) August Krämer, geb. am 2. Juni 1866 zu Weilburg a. d. Lahn, kathol. Konfession, besuchte von 1876 1881 in seiner Vaterstadt die Landwirtschaftsschule, welche er nach bestandener Prüfung mit dem Zeugnis über die Wissensch. Befühigung für den einjährig-freiwilligen Militärdienst verliess. N ach halbjährigem Privat- studium wurde er Herbst 1881 in das Königl. Gymnasium zu Weilburg aufgenommen und erhielt Ostern 1885 das Zeugnis der Reife. Um naturwiss.-mathematische Studien zu betreiben, bezog er die Universität Strassburg; jedoch von seinem 2. Semester an studierte er zu Marburg, Berlin und wieder zu Marburg klassische und deutsche Philologie nebst Geschichte und Geographie. Er bestand zu Marburg am 28. Juni 1889 die Prüfung pro facultate docendi, sowie am 23. Januar 1890 das Examen rigorosum. Durch Verf. des Kgl. Prov.-Schulkollegiums zu Cassel vom 21. Aug. 1889 wurde er dem hiesigen Gymnasium zur Ableistung des pädagogischen Probejahres zugewiesen.