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aber ſie kommt auch dem einzelnen zugute. Sie fördert den Wohlſtand und das Anſehen des Vaterlandes und ſie fördert den Wohlſtand und das Anſehen des einzelnen und, was noch mehr iſt, ſie verleiht wahre innere Be⸗ friedigung, eines der koſtbarſten Güter, die das Leben zu bieten hat; und während die übrigen, nicht verächtlichen Güter und Gaben des Lebens nach und nach ſchal werden, gebiert die Freude, die aus der Arbeit quillt, ſich immer neu und immer friſch und ſteht auch demjenigen zu Gebote, dem das Leben ſonſt nicht viel zu bieten hat. Ja,„Arbeit iſt Leben, Müßiggang iſt Tod“ hat außer anderen Weiſen auch der große Preußenkönig Friedrich II. geſagt, der gleich den übrigen Hohenzollern ſelbſt ein gewaltiger Arbeiter war..
Dieſes alſo iſt das erſte Ziel der Schule, euch zu erziehen zu arbeitsfreudigen Männern, zum eigenen und des Vaterlandes Wohl; das andere iſt ein noch viel ſchöneres: ſie will euch erziehen zu charakterfeſten Männern. Wem ſollte das nicht als Ideal vorſchweben, ein Mann von Charakter zu werden? Wer wollte ein ſchwankes Rohr ſein, das vom leiſen Windhauch hin und her getrieben wird? Wer wollte nicht vielmehr ein Mann werden, ſtark und feſtgewurzelt wie die Eiche, den Stürmen Trotz bietend, ein Mann, blank den Ehrenſchild und rein und blank das eigene Gewiſſen! Dazu will euch die Schule verhelfen.
Nun wird allerdings der Schule vielfach der Vorwurf gemacht, als täte ſie in dieſer Beziehung nicht genug. Zu viel Verſtandesbildung und zu wenig Charakterbildung, iſt eines der Schlagwörter unſerer an Schlagwörtern reichen Zeit. Allein ich glaube, daß die deutſche Schule auch in dieſer Beziehung, ſo weit es in ihren Kräften ſteht, ihre Pflicht tut. Zwar mit vielen und großen moraliſchen Worten legt ſie ſich mit Recht im allgemeinen eine gewiſſe Zurückhaltung auf. Die direkte Belehrung über das, was recht und unrecht iſt, überläßt ſie in der Haupt⸗ ſache dem Religionsunterricht, der aber, auch aus dieſem Grunde, mit Recht an der Spitze der Lehrgegenſtände ſteht. Aber auch in den übrigen Fächern bietet ſich Gelegenheit genug, auf die Charakterbildung der Schüler in mehr indirekter und dadurch vielleicht in um ſo erfolgreicherer Weiſe einzuwirken. Das im einzelnen auszuführen, wäre ein weitläufiges Gebiet, ich ſage nur andeutungsweiſe: Die Großtaten unſerer Vorfahren in alter und neuerer Zeit, die herrlichen Geſtalten, die die Dichter geſchaffen, die vaterländiſchen ſowohl wie die der Griechen und Römer, der Engländer und Franzoſen, das Walten der ewigen Naturgeſetze: wie ſollte dieſes alles nicht geeignet ſein, auf jugendliche Gemüter einen erziehenden und veredelnden Einfluß auszuüben? Es wird nur darauf ankommen, daß wir Lehrer den ethiſchen Gehalt der einzelnen Lehrgegenſtände erfaſſen und es verſtehen, ihn auszuſchöpfen und der Jugend dienſtbar zu machen.
Als weiterer Erziehungsfaktor wird genannt das Beiſpiel der Lehrer. Nun weiß ich ſehr wohl, und wir alle wiſſen es: kein Menſch iſt ſo vollkommen, daß er in jeder Beziehung ein Vorbild abgeben könnte. Es wird auch bei den beſten Lehrern nicht an menſchlichen Schwächen und Unvollkommenheiten fehlen. Aber in einem Punkte, hoffe ich, werden wir Lehrer euch Schülern ſtets ein nachahmenswertes Beiſpiel bieten, d. i. in einem untadeligen Wandel und in der gewiſſenhaften und treuen Erfüllung unſerer Berufs⸗ und Standespflichten.
Indes auch damit iſt meines Erachtens die Einwirkung der Schule auf die Charaktererziehung noch nicht erſchöpft, ſondern die Hauptſache liegt noch tiefer. Was verſteht man unter Charakter? Ich glaube ſagen zu können: Ein Menſch von Charakter iſt ein ſolcher, der immer und überall und unter allen Umſtänden das tut, was er für recht erkannt hat. Hier ſind alſo zwei Dinge zu unterſcheiden, erſtens die Erkenntnis des Rechten und zweitens der Wille zur Ausführung. Die Erkenntnis aber iſt das Erſte und keineswegs eine ſo leichte Sache. Manchem verrinnt das Leben im Suchen nach dem, was wahr und recht iſt, und wenn er am Ende ſteht, dann ruft er verzweifelnd mit Fauſt aus:„Und ſeht, daß wir nichts wiſſen können, das will mir ſchier das Herz verbrennen!“
Für dieſen ſchwerſten Kampf des Lebens nun, dem ſchon ſo manche ſtarke Mannesnatur kläglich erlegen iſt, will euch die Schule wappnen und rüſten, einmal indem ſie euch von vornherein auf den Weg zu führen ſucht, der ſich als richtig und gangbar erwieſen hat durch die Offenbarung und durch die geheiligten Traditionen unſerer Vorfahren, zweitens aber auch noch auf andere Weiſe. Durch mannigfaltige übung und Ausbildung des Verſtandes ſucht ſie die Zöglinge zu befähigen, das Wahre vom Falſchen, das Rechte vom Unrechten zu unterſcheiden. Wie oft hört man unverſtändige Menſchen ſagen: Wozu lehrt und lernt man dies oder jenes in der Schule? Wozu plagt man die Jugend mit griechiſcher und lateiniſcher Grammatik, mit mathematiſchen Formeln und griechiſchen Formen und mit noch vielen anderen Dingen, die im ſpäteren Leben doch kein Menſch mehr braucht. Gewiß, für dieſe Dinge kann man ſich nichts kaufen, und brauchen werden ſie auch nur die allerwenigſten. Aber den daran geſchulten Verſtand kann man im ſpäteren Leben zu mancherlei Dingen gut gebrauchen; am beſten wird man ihn anwenden zur Unterſcheidung von Wahrem und Falſchem, von Rechtem und Unrechtem.
Zu der Erkenntnis des Wahren und Rechten muß aber als Zweites hinzukommen ein Willle, der feſt und unerſchütterlich auf die Ausführung des als recht Erkannten gerichtet iſt. Hier ſtellen ſich nun der Schule ſchon größere Schwierigkeiten in den Weg. Denn es iſt leichter, jemand Erkenntnis zu vermitteln und ihn erkenntnis⸗ fähig zu machen, als ſeinen Willen zu beeinfluſſen oder gar ihm eine dauernde Richtung zu geben. Aber auch hier ſucht die Schule ihre Pflicht zu erfüllen und ihren Zweck zu erreichen, hauptſächlich durch drei Mittel, erſtens durch die Pflege von Spiel und Sport, zweitens durch Gewöhnung an Zucht und Ordnung und drittens wieder durch Gewöhnung an ernſte Arbeit. Spiel und Sport, als Mittel zur Kräftigung des Körpers und Stärkung des Willens, ſollen auch an unſerer Anſtalt die gebührende Berückſichtigung finden. Aber wichtiger ſcheinen mir noch die beiden anderen Mittel, Gewöhnung an Zucht und Ordnung und Gewöhnung an Arbeit. Denn gute Ge⸗ wöhnung iſt eine ſchöne Sache,„jung gewohnt, alt getan“; wenn einer in der Jugend gelernt hat, ſich zu fügen, ſo wird er ſich auch ſpäter fügen in Verhältniſſe und Dinge und Menſchen, die oft noch viel unbequemer ſind als die Schule; und wenn einer in der Jugend geleent hat zu arbeiten, ſo wird er auch im ſpäteren Leben die Arbeit leiſten, die von jedem gefordert wird. So iſt Gewöhnung in der Tat eine ſchöne Sache. Aber wir wollen uns nicht täuſchen, einen Charakter haben wir damit nicht erzogen, denn Gewöhnung iſt noch kein Wille. Erſt wenn es uns gelungen ſein ſollte, unſere Schüler dazu zu bringen, daß ſie ſich freiwillig und bis zu einem gewiſſen Grade gern in Zucht und Oednung fügen, weil ſie erkannt haben, daß es ſo recht iſt, und erſt wenn unſern Schülern


