Jahrgang 
1914
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der Segen der Arbeit aufgegangen wäre, der Segen einer ehrlichen und fröhlichen Arbeit, ſo daß ſie ſich ihr frei⸗ willig und gern unterziehen, erſt dann hätten wir etwas für die Charaktererziehung getan. Und ſo habt ihr, liebe Schüler, in letzter Linie die Sache ſelbſt in der Hand. Es ſteht damit, kurz geſagt, ſo: Was die Schule angeht, ſo tut ſie ihre Pflicht und drückt ihre Mittel durch, Zucht und Ordnung und ernſte Arbeit, wenn es ſein muß, mit Gewalt. Wer nicht will, der muß. Wer aber muß, iſt ein Knecht; wer will, iſt ein Freier. Ich aber, liebe Schüler, bringe euch das Vertrauen entgegen, als eine der beſten Sachen, die ich euch mitzubringen habe, das Vertrauen, daß ihr Freie ſein wollt und keine Knechte. Und wenn ihr dieſes Vertrauen rechtfertigt, dann können wir getroſt auch auf unſere Anſtalt die Worte ſchreiben, die ich über dem Eingang einer Schule in Palermo las: Entrate lietamente, o fanciulli, qui s'insequa, non si tormenta, tretet freudigen Herzens ein, ihr Knaben und Jüng⸗ linge, hier werdet ihr erzogen und unterrichtet, aber nicht gequält. Freudig und ernſt zugleich ſollt ihr eintreten, freudig und ernſt ſollt ihr ein⸗ und ausgehen zu tüchtiger Arbeit, und freudig und reuelos ſollt ihr dereinſt als Männer wiederkehren, etwa als Mitglieder des Vereins der Ehemaligen, nach Klein⸗Athen auf der ſonnigen Höhe des Weſterwaldes, wo ihr eine ſchöne Jugend nutzbringend verlebt habt.

Das iſt es, ſehr geehrte Herren, was zu ſagen in dieſer Stunde mir zumeiſt am Herzen lag, meine und hoffentlich auch Ihre Auffaſſung unſerer großen und ſchönen oberſten Aufgabe. Vielleicht hätten Sie auch ein Wort von mir erwartet über den Charakter unſerer Anſtalt als eines humaniſtiſchen Gymnaſiums. Allein ich denke, darüber beſteht kein Zweifel, daß das Kaiſer Wilhelms Gymnaſium zu Montabaur in dem Sinne ſeines Begründers weiter beſtehen ſoll als humaniſtiſche Anſtalt in ſteter Fühlung mit den Beſtrebungen und Ergebniſſen der modernen Wiſſenſchaft und mit den Erforderniſſen der modernen Zeit. Auch ſonſt konnte ich über Einzelfragen nicht ſprechen. Wenn wir nur klar und einig ſind über unſer gemeinſames großes Ziel, dann wird ſich in ge⸗ meinſamer und einheitlicher Arbeit der Lehrer und in ſteter Fühlung mit den Behörden ſchon ein gangbarer Weg finden. Und ſo ſchließe ich denn, damit zu dem Labora auch das Ora kommt, mit dem von Herzen kommenden Wunſche:Gott der Herr ſegne unſer aller gemeinſame und einheitliche Arbeit!

Das LiedMit dem Herrn fang alles an gab der ſtimmungsvollen Feier einen würdigen Abſchluß.

2. Sonſtige Veränderungen im Lehrerkollegium.

Zu Anfang des Schuljahres ſchied aus dem Lehrerkollegium der Wiſſenſchaftliche Hilfs⸗ lehrer Herr Valentin Reichert, der zum Oberlehrer am Gymnaſium und Realprogym⸗ naſium in Limburg berufen wurde. Derſelben Anſtalt wurden auch der Wiſſenſchaftliche Hilfs⸗ lehrer Herr Dr. Welz und der bisherige Probekandidat Herr Joſeph Reichert zu Ver⸗ tretungen überwieſen. Neu eintraten der Viſſenſchaftliche Hilfslehrer Herr Dr. Kron zur Vertretung des erkrankten Oberlehrers Herrn Dr. Eſſer und der Kandidat des höheren Lehr⸗ amts Herr Dr. Georg Reichwein zur Ableiſtung des Probejahres. Ferner wurde der Kandidat des höheren Lehramts Herr Alfred Sabel der Anſtalt überwieſen, und am 20. Mai kehrte auch Herr Joſeph Reichert wieder an die hieſige Anſtalt zurück.

Herr Pfarrer Eberling, der vier Jahre lang in dankenswerter Weiſe den evangeliſchen Religionsunterricht übernommen hatte, ſah ſich leider mit Beginn des Winterhalbjahres ge⸗ nötigt, dieſen Unterricht wieder aufzugeben. Den Dank, den ihm der Direktor in der letzten Konferenz, an der er teilnahm, für ſeine treuen Dienſte ausſprach, wiederholt er auch an dieſer Stelle, ebenſo die Wünſche für ein weiteres gutes und freundliches Verhältnis zu unſerer Anſtalt. Die lange erledigte Stelle eines evangeliſchen Religionslehrers mußte nun neu beſetzt werden. Die Wahl des Kuratoriums fiel auf den Kandidaten des höheren Lehramts Herrn Paul Gut), bisher Wiſſenſchaftlicher Hilfslehrer am Städtiſchen Realgymnaſium in Wiesbaden, der nach ſeiner Beſtätigung durch das Königliche Provinzial⸗Schulkollegium zu Beginn des Winterhalb⸗ jahres als Oberlehrer in den Lehrkörper eintrat. Um dieſelbe Zeit wurde der Kandidat des höheren Lehramts Herr Joſeph Flock von dem Gymnaſium zu Dillenburg zur Ableiſtung

*) Paul Gut wurde 1885 zu Wiesbaden geboren. Er beſuchte das Kgl. human. Gymnaſium zu Wies⸗ baden, das er Oſtern 1904 mit dem Zeugnis der Reife verließ. Darauf ſtudierte er Philologie und ev. Theologie zu Marburg und Halle und beſtand in Marburg im März 1909 die Prüfung für das Lehramt an böheren Schulen. Das Seminarjahr leiſtete er am Kgl. Gymnaſium zu Hersfeld ab, dort war er auch kurze Zeit an der höheren Mäd⸗ chenſchule beſchäftigt. Die erſte Hälfte des Probejahres erledigte er an der Städt. Oberrealſchule mit Reform⸗ Realgymnaſium zu Marburg, wo er die Stelle eines Wiſſenſchaftlichen Hilfslehrers inne hatte. Hierauf genügte er ſeiner Militärpflicht beim Füſilierregiment von Gersdorff(Kurheſſ. Nr. 80) in Wiesbaden. Herbſt 1911 wurde er zur Vollendung ſeines Probejahres dem Goethe⸗Gymnaſium zu Frankfurt a. M. überwieſen. Von Oſtern 1912 an wirkte er als Hilfslehrer am Städt. Reform⸗Realgymnaſium zu Wiesbaden. Seit Herbſt 1913 iſt er Oberlehrer am Kaiſer Wilhelms Gymnaſium zu Montabaur.