Jahrgang 
1911
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dieſes Hauſes kundgeben ſoll. Wie glücklich iſt die Lage des Neubaues gewählt! Frei nach allen Seiten hin! Hier können friſche Jungen in friſcher Luft ſich tummeln und bei Fußball und Barlauf den Schulſtaub aus den Lungen puſten. Der Spielplatz iſt ausreichend für alle.

Der Bau iſt aus Ziegelſteinen hergeſtellt, und die Zimmerdecken ſind aus Eiſen⸗Beton verfertigt, ſo daß eine Feuersgefahr ausgeſchloſſen erſcheint. Das Erdgeſchoß enthält zunächſt die Badeeinrichtung. 10 Douchen und 4 Wannenbäder ſind vorhanden. Die Erwärmung des erforderlichen Waſſers erfolgt von einer Zentrale aus. Während die Wannenbäder einzeln bedient werden, können die Douchenbäder gleichzeitig mit kaltem oder warmem Waſſer geſpeiſt werden. Neben dem Baderaum liegen Waſchküche mit Waſchmaſchinen, Bügelzimmer mit Mangel⸗ maſchine, Vorratskeller für Brennmaterial und Eßwaren und endlich die geräumige Küche mit freiſtehendem Herd und Wärmeſchrank. Die Spülküche iſt in einem eigenen Raum untergebracht. Wie werden die guten Mütter ſtaunen, wenn ſie einmal dem lieben Sohn in der Muſenſtadt einen Beſuch abſtatten und in dieſes Reich der Küchenfeen einen Blick werfen! Ein doppelter Speiſeaufzug und 2 Laſtaufzüge einer für Kohlen und einer für Wäſche vermitteln den Verkehr zwiſchen Ober⸗ und Unterwelt.

Das erſte Stockwerk enthält zunächſt das Heim des göttlichen Heilandes, die trauliche Kapelle. Durch zierliche Wölbungen verleihen ihr Chor und Decke ein eigenartiges Gepräge. Wie gut läßt es ſich hier beten in den ernſten Tagen der Berufswahl, der Verſetzung und des Abiturientenexramens! An die Kapelle ſchließen ſich Sakriſtei, Schweſternchor und die Wohnung der Schweſtern an. Rechts vom Eingang liegt ein Raum, der für das Haus von der größten Bedeutung iſt, nämlich der Speiſeſaal. Wenn die Jugend in vierſtündigem Feſtmahl gekoſtet hat von all den Leckerbiſſen, die ihr Horaz und Cicero, Homer und Demoſthenes, Racine und Molière, Pythagoras und Archimedes bereitet haben, wie gernſetzt ſie ſich dann hier nieder zum köſtlich bereiteten Mahle! Da werden auch zuweilen Schlachten geſchlagen, die es verdienten, den fernſten Zeiten überliefert zu werden. Dem Speiſeſaal iſt mit Recht der Spielſaal benachbart, denn da findet ſich nach Tiſch bei ſchlechtem Wetter Gelegenheit genug, die 1000 Schritte zu gehen, von denen der Lateiner ſagt:Post cenam stabis aut mille passus meabis. Eine Bühne in dem Speiſeſaal wird bisweilen den Theaterſpielern Gelegenheit bieten, Beweiſe ihrer Kunſtfertigkeit zu geben. Erkennt doch die Konviktsleitung in jeder Beziehung das Recht der Jugend auf Freude und Frohſinn an.

In dem 2. Stockwerk befindet ſich der große dreiteilige Studierſaal, der ausſchließlich der ernſten Arbeit gewidmet iſt. Ihn umgeben in den Seitenflügeln 14 Zimmer, die als Wohnung für den Regens und Subregens und als Kranken⸗, Fremden⸗, Bibliothek⸗, Klavierzimmer uſw. dienen.

Das 3. Stockwerk iſt ein Rieſenſaal. Der Schreiber dieſer Zeilen hat auf ſeinen Fahrten durch 4 Weltteile ſchon mancherlei geſehen, einen ſolch herrlichen Schlafſaal aber noch nirgends. Luft und Licht, Ruhe und Stille ſind hier im reichſten Maße vorhanden, ſo daß es morgens einer ſehr durchdringenden Glocke bedürfen wird, um die Schläfer aus ihrer Ruhe zu wecken.

Daß das Haus gegen Blitzgefahr durch Blitzableiter geſichert iſt, bedarf keiner beſonderen Erwähnung.

Die Ausſicht von den oberen Stockwerken des Konviktes iſt entzückend. Wie ein weites Panorama breiten ſich vor dem Auge des Beſchauers die Wälder und Felder, die Täler und Höhen des Weſterwaldes aus. Mons Tabor hat einen neuen, hoffentlich recht wirkungsvollen Anziehungspunkt erhalten. Mögen alle, die das neue Haus bewohnen, auch den Segen des Wortes der hl. Schrift erfahren, das von dem Mons Tabor in Paläſtina geſagt iſt:Bonum est nos hic esse. Hier iſt es gut ſein, gut für Leib und Seele, gut für Zeit und Ewigkeit! Mögen alle, die das Haus verlaſſen, ſich ſtets bewähren als treue Diener der Kirche und des Staates!

Undankbar müßten wir genannt werden, wollten wir dieſe Zeilen ſchließen, ohne die Verdienſte der Barm⸗ herzigen Brüder um das alte Konvikt anzuerkennen. Mit treuer Hingabe und unermüdlichem Fleiß haben ſie jederzeit dem Hauſe ihre Kräfte gewidmet und das Wohl der Zöglinge gefördert. Nunmehr geht die Führung des Haushaltes in die Hände von Schweſtern über. Der Hochw. Herr Biſchof hat nämlich die Kongregation der armen Dienſtmägde Chriſti mit dieſer Aufgabe betraut. Da ſie bereits ſeit einigen Jahren in dem Konvikte von Hadamar tätig ſind, verfügen ſie über eine reiche Erfahrung, die ihnen bei der neuen Aufgabe ſehr zu ſtatten kommt.

Der Neubau wurde während der Oſterferien bezogen, und der 3. Mai war der Tag der feierlichen Einweihung. Der hochwürdigſte Herr Dr. Willi, Biſchof von Limburg, kam gegen 10 Uhr in Begleitung des Herrn Domdekans, Prälaten Hilpiſch, ins Konvikt. Unter Herrn Chriſtes Leitung erklang im hohen, lichten Gange vor der Kapelle das weihevolle Gluckſche Lied:Freudenklänge, Feſtgeſänge aus zweihundert jugendlichen Kehlen, Herr Ludwig, der ſeit mehr als 10 Jahren mit größter Pflichttreue das verantwortungsvolle Amt des Regens verwaltet, begrüßte den hohen Herrn mit einer gehaltvollen Anſprache, dankte für das dem Konvikt ſtets bewieſene Wohlwollen und gelobte im Namen der Zöglinge fernerhin Treue und Ergebenheit. Der hochwürdigſte Herr rühmte in ſeiner Entgegnung die vielen Verdienſte ſeiner Amtsvorgänger um die Errichtung der biſchöflichen Konvikte zu Hadamar und Montabaur, pries alle Wohltäter und flehte des Himmels Segen auf ſie und ihr Werk herab. Dann voll⸗ zog der hohe Herr die Weihe der Kapelle, der erſte und älteſte Regens, Herr Pfarrer Spring aus Flörsheim, zelebrierte unter Beihilfe zweier ehemaliger Konviktoriſten, der Herren Dom⸗ vikar Dr. Rauch und Regiſtrator Sand, das feierliche Amt, Herr Subregens Dr. Keller leitete in der Kapelle den Choral⸗Geſang der Konviktsſchüler, und Herr Generalvikar Hilpiſch feſſelte mit einer von Herzen kommenden und zu Herzen gehenden Feſtpredigt die