Jahrgang 
1884
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Wir fuhren mit der Eiſenbahn nach Station Gaimühle, gingen dann über den Katzenbuckel nach Eberbach und fuhren mit dem letzten Zuge von da wieder zurück. Die Vorſchule machte an demſelben Tage einen Ausflug nach Langen⸗Brombach. Der Unterzeichnete lenkte die Aufmerkſamkeit der Schüler auf die Bedeutung der Schulausflüge mit folgenden Worten:

Wenn Außsflüge mit den Schülern in Begleitung der Lehrer einen wirklichen Wert haben ſollen, ſo dürfen ſie nicht blos in der gemeinſchaftlichen Wanderung, in der Einkehr und in der Befriedigung der leiblichen Bedürfniſſe beſtehen, ſondern die Schüler müſſen in dem Verkehr mit den Lehrern in anderer Weiſe lernen. Zunächſt ſollen ſie ihre leiblichen Kräfte üben und ſtärken, ſich an Ertragung von Hunger und Durſt, von Hitze und ſelbſt von Unbill der Witterung gewöhnen und ſich mit einfacher Koſt und Nahrung begnügen lernen. Sodann aber ſollen ſie mit geiſtigem Auge anſchauen lernen. In dem engen Raum der Schule ergeht ſich zwar der Geiſt in den verſchiedenſten Richtungen; allein es fehlt ihm gar häufig die unmittelbare Anſchauung und es bleibt daher manches ohne das richtige Verſtändnis. Was wir aber mit geiſtigem Auge, durch die Anſchauung unterſtützt, wirklich geſehen haben, das prägt ſich tiefer ein und wird unverlierbares Eigentum. Darum möchte ich die Gelegenheit nicht vorübergehen laſſen, euch auf einige Anſchauungen bei unſerer Wanderfahrt durch einen der ſchönſten Teile des Odenwaldes aufmerkſam zu machen und dieſelben euch dadurch zum bleibenden Bewußtſein zu bringen.

Ich lenke eure Aufmerkſamkeit zunächſt auf die Geographie.

Unſere Fahrt führte uns aus dem ſchönen Mümlingthal über den Katzenbuckel in das Itterthal. Wie verſchiedenartig iſt der Eindruck der Gebirgslandſchaft nördlich und ſüdlich vom Krähenberg. Es iſt nicht die Höhe der Berge allein, die dieſen verſchiedenen Eindruck erzeugt, ſondern vor allem der außerordent⸗ liche Fall der Thäler ſüdlich vom Krähenberg auf kurzer Strecke. Denn während das Gebirge vom Krähenberg nach Norden von 548 m und zwar in 3 Stufen, dem Michelſtädter, dem Königer und dem Neuſtädter Keſſel auf 200 250 m in 78 Stunden Entfernung herabfällt, ſenkt ſich das Neckarthal um 270 m in nur 4 Stunden Entfernung, während die Höhenzüge nur wenig fallen, denn die Hohe Warte hat noch 550 m, der Hirſchberg 501 m, hingegen der Heuberg bei Michelſtadt 352 m. Während der Bahnhof Michelſtadt noch 200 m Höhe hat, liegt das Neckarthal nur 127 m hoch. Der Ohrsberg bei Eberbach iſt faſt im Niveau mit dem Bahnhof in Michelſtadt. Die Höhen ſetzen ſich aber auf der andern Seite der tiefen Neckarſchlucht faſt in gleicher Höhe weiter fort, denn die Wimmertsbacher Höhe iſt wieder 516 m hoch. Aus dieſem Grunde hat der ſüdliche Teil des Odenwaldes einen wildromantiſchen Charakter. Darum war die Anlage einer Bahn ſchwierig und konnte nur durch das längere Thal der Schöllenbach und Itter, nicht durch das Gammelsbacher Thal geführt werden.

Das Neckarthal bildet einen tiefen Einſchnitt in dem ſüdlichen Teil des Gebirgs, der von Neckarelz bis Eberbach in nordweſtlicher, von da in ſüdweſtlicher Richtung hinzieht. Die Abhänge ſind ſchroff, die Berge fallen ſteil in die Thäler ab, bei Eberbach machten Neckar und Itter einen Tobel, der den merkwürdigen Ohrsberg gebildet hat.

Ich lenke zweitens euren Blick auf das Naturkundliche.

Einen weſentlich anderen Eindruck macht auch der ſüdlich vom Krähenberg gelgene Teil des Gebirgs in mineralogiſcher Beziehung, als der nördliche. Das ganze Gebirg beſteht zwar aus Sand⸗ ſtein, dem ſich nur bei Michelſtadt und Neckarelz Muſchelkalk, das Anzeichen eines alten Seebeckens, einfügt. Mitten aus der Sandſteinformation erhebt ſich das aus dem Feuer erzeugte Geſtein, der kegel⸗ förmige Katzenbuckel, beſtehend aus Nephelinfels, einem aus Nephelin, Augit und Magneteiſenerz gebildeten Geſtein, dem noch Olivin, Titanit beigemengt ſind, und das in etwas veränderter Form am Veſuv, am Laacher⸗See und an andern Orten in der Nähe noch thätiger oder erloſchener Vulkane gefunden wird. Heinrich Becker nimmt in ſeinem bekannten Werkchen über den Odenwald einen Zuſammenhang mit dem Tobel bei Eberbach und der Bildung des Katzenbuckels an, und meint, daß die in den Spalten des Gebirgs eindringenden Waſſer, in Dampf verwandelt, die inneren, noch flüſſigen Gebirgsmaſſen durch den Sand⸗ ſtein getrieben haben. Laſſen wir das dahin geſtellt ſein, ſo bleibt dennoch die Urſache der pulkaniſchen Erhebung des Katzenbuckels jedenfalls in der rieſigen Kraft der gasförmigen Körper beſtehen, die die feuerig flüſſigen Maſſen des Erdinnern durch die Sandſteinmaſſen trieb. So iſt der Sandſtein damals durch dieſelben Kräfte durchbrochen worden, die auch den Tunnel brechen halfen, da bekanntlich die Elaſticität comprimierter Luft teilweiſe zur Durchbohrung des Gebirgs verwendet wurde,