Jahrgang 
1879
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wozu ſowohl der Staat, als auch Sr. Erlaucht der Graf von Erbach⸗Fürſtenau und die hieſige Gemeinde weitere Mittel lieferten. Mit dem Jahr 1836 hatte ſomit die Schule den Charakter einer öffentlichen Anſtalt angenommen, beſtimmt, nicht mehr bloß den lokalen Intereſſen Michelſtadts zu dienen, ſondern das in dem ausgedehnten Landestheil zwiſchen Neckar, Main und Bergſtraße hervortretende Be⸗ dürfniß nach einer höheren Schulbildung zu befriedigen. Hatten bis dahin die Räumlichkeiten der jetzigen Rentkammer bei der beſchränkten Ausdehnung der Realſchule, die in 3 Klaſſen von durchſchnittlich 36 Schülern beſucht worden war, ausgereicht, ſo traten ſchon im Jahre 1839 entſchiedene Mängel hinſichtlich der Lokalitäten hervor, als die Realſchule aus der Rentkammer in das jetzige alte Lokal der Realſchule überziehen mußte, zumal ſie ſich bald ſehr ausdehnte und mehrere Nebenanſtalten ſich an ſie anſchloſſen und Lokale, Lehrkräfte und Lehrmittel von ihr entlehnten. Sehr inſtructiv ſind in dieſer Beziehung die Verhandlungen, welche der damalige Director Winterſtein hinſichtlich der Lokalitäten führte. Er ſagte ſchon damals ausdrücklich, daß das in Ausſicht genommene Lokal vielleicht für die Gegenwart hinlänglich Raum biete, daß dieß jedoch wohl ſchwerlich in der nächſten Zukunft der Fall ſein werde; er betonte, daß weſentliche, mit großen Koſten verbundene Baueinrichtungen vorgenommen werden müßten, damit den meiſten Zimmern die für den Unterricht in der Mathematik, Phyſik, dem Zeichnen und der Kalligraphie erforderliche gleichförmige und intenſive Beleuchtung gegeben werden könne; er wies ſchon damals auf die geſundheits⸗ widrige Anlage der Aborte mitten in den Schulräumen hin; er zeigte, daß das Vorhandenſein einer Strick⸗ ſchule in denſelben Räumen ſich pädagogiſch nicht rechtfertigen laſſe, daß es überhaupt wünſchenswerth ſei, daß der Stadtvorſtand für ein bleibendes, zweckmäßiges Realſchulgebäude Sorge trage, und der hohe Schul⸗ rath erklärte ſchon damals, daß nur durch einen Neubau dauernd abgeholfen werden könne. Trotzdem blieb bei dem Mangel eines andern, geeigneteren Lokales und bei der Unzulänglichkeit der Mittel Nichts übrig, als, wie es actenmäßig heißt, einſtweilen das dargebotene Lokalproviſoriſch anzunehmen. Aus dieſem Proviſorium wurden nahezu 40 Jahre, und welche Entwicklungsphaſen, würdig einer beſonderen eingehenden Behandlung, hat die Realſchnle innerhalb dieſer Zeit durchgemacht! 1843 trat eine 4. Klaſſe hinzu und mehrere Nebenanſtalten, wie die 1841 gegründete Sonntagszeichenſchule, die 1853 ins Leben gerufene Ackerbauſchule entlehnten von ihr Lokalitäten, Lehrkräfte und Lehrmittel. Es war dieſes überhaupt nur durch eine Erweiterung und Herrichtung der von dem Hohen Inhaber urſprünglich gewährten Lokalitäten, ſowie durch eine ſtarke Belaſtung des Lehrerperſonals und der Fonds der Realſchule möglich. Als aber unter den gewaltigen Ereigniſſen der Jahre 1866 und 1870/71, welche die Löſung der deutſchen Frage zur Entſcheidung brachten, und das deutſche Volk zu der längſt erſehnten Einheit, zu der längſt verdienten Stellung führten, die Wichtigkeit der Entfaltung der geiſtigen und ſittlichen Anlagen des Volkes eine Um⸗ geſtaltung und Erweiterung des höheren Schulweſens gebieteriſch forderte, da traten auch an unſerer Schule neue Entwicklungsphaſen ein. Schon im Jahre 1868 wurde unſere Schule reorganiſiert, indem ihr eine 5. Oberklaſſe zugeſetzt wurde und die dritte Klaſſe einen zweijährigen Curſus erhielt, worauf ihr das Recht zur Ausſtellung der zum einjährig⸗freiwilligen Militärdienſt giltigen Zeugniſſe zuertheilt wurde. Hierdurch und durch die Eröffnung der Odenwaldbahn ſtieg nunmehr die Frequenz der Realſchule ſo außerordentlich, daß die Räume zu eng und klein wurden, daß die urſprünglich gerügten Mängel ſo entſchieden hervortraten, daß ein längeres Verbleiben in jenen unmöglich war. Schon im Jahr 1873 mußte eine Realſchul⸗ klaſſe ganz aus dem Lokal hinaus gelegt, und die Mitwirkung der Realſchule bei den Nebenanſtalten beſchränkt oder eingeſtellt werden. Daher wurden denn die im Jahre 1839 erfolglos gebliebenen Verhandlungen wegen eines Neubaues im Jahre 1873 wieder aufgenommen und führten unter großen Schwierigkeiten zu dem längſt erſehnten Ziele. Heute betritt die Realſchule als eine Realſchule II. Ordnung mit 6 Klaſſen, mit einer ſeit zwei Jahren beſtehenden jährlichen Frequenz von über 200 Schülern, einem Lehrerperſonal von 9 ordentlichen und 3 Hilfslehrern, ausgeſtattet mit wichtigen Berechtigungen, insbeſondere mit dem Recht der Ausſtellung der für den einjährig⸗freiwilligen Militärdienſt giltigen Zeugniſſe, mit einem anſehnlichen Schatz von Lehrmitteln das neue Lokal. Im Hinblick auf dieſe außerordentlichen Fortſchritte, welche die Realſchule ſeit ihrer Gründung bis dahin in ihrer organiſchen Geſtaltung, in ihren Leiſtungen und den hierauf geſtützten Berechtigungen, in ihrer Einwirkung auf die Entwicklung und Ausbildung immer weiterer Kreiſe des Odenwaldes und der umliegenden Landestheile gemacht hat, geziemt es ſich daher, den Gefühlen des innigſten Dankes gegen Die⸗ jenigen Ausdruck zu geben, welche unter Gottes Beiſtand die Realſchule bis dahin unterſtützt und gefördert haben. Sie waren mit Eifer und Fleiß darauf bedacht, die Realſchule auch unter den drückendſten äußeren Verhältniſſen zu heben und zu pflegen; durch ihre Theilnahme und thätige Unterſtützung iſt die Realſchule zu ihrer gegenwärtigen Ausdehnung und Blüthe gelangt, weßhalb wir ihnen eine dankbare Erinnerung und ein bleibendes Andenken in der Geſchichte unſerer Schule bewahren werden.