Jahrgang 
1879
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Möge der Segen Gottes ſie in dieſe neuen Räume begleiten, möchte aber auch in dieſen Räumen auf dem Fundamente der Gottesfurcht und der Religioſität der Geiſt der Wahrheit und der Treue, der Geiſt des Anſtandes und der guten Sitte, der Geiſt des Gehorſams und der Vaterlandsliebe gepflegt werden, möchte hier guter, pflichttreuer Unterricht und liebevolle Behandlung von Seiten der Lehrer wett⸗ eifern mit Fleiß, Gehorſam und gutem Betragen von Seiten der Schüler zum Segen derſelben und deren Eltern, zum Segen der hieſigen Gemeinde und der ganzen Umgegend.

Und ſo übergebe ich Ihnen, Herr Director, mit dieſem Schlüſſel die Benutzung dieſes neuen Ge⸗ bäudes der Großh. Realſchule nach Maßgabe der in dieſer Urkunde(welche der Bürgermeiſter dem Herrn Director überreichte) enthaltenen Beſtimmungen.

Sie aber hochgeehrte Feſtverſammlung bitte ich, Ihre beſten Wünſche für das Wohl und Gedeihen der Realſchule mit mir zu vereinigen in einem Hoch auf den landesväterlichen Beſchützer und Beſchirmer der Schulen, von höchſtdeſſen getrenen Räthen wir erbitten und erhoffen, daß ſie an dieſe Schule immer brave, tüchtige und pflichtgetreue Lehrer ſenden möchten.

Unſer geliebter Landesfürſt, S. K. H. der Großherzog Ludwig IV. lebe hoch!

Der Unterzeichnete erwiderte hierauf:

Hohe und Hochgeehrte Auweſende! Hochgeehrte Lehrer und liehe Schüler! Als dermaliger Director der Großherzoglichen Realſchule zu Michelſtadt übernehme ich das von dem Stadtvorſtand an die Direction der Realſchule übergebene Realſchulgebäude und behalte mir vor, in meiner nachfolgenden Actusrede unter Zugrundlegung eines hiſtoriſchen Rückblickes aller derer mit Dankbarkeit zu gedenken, welche unter Gottes Beiſtand die Realſchule bis dahin unterſtützt und gefördert haben, ſo daß ſie nunmehr nach 44⸗jährigem Beſtehen heute ein eigenes Realſchulgebäude beziehen kann, ich behalte mir vor, einen Blick vorwärts auf die Entwicklungsphaſen zu werfen, welchen die Realſchule nunmehr zugeführt werden muß und um das fernere Wohlwollen, und die fortdauernde Unterſtützung der Freunde der Realſchule zu bitten. Ehe wir aber in das neue Gebäude eintreten, laſſen Sie uns erſt um den ferneren Segen und Beiſtand Gottes für dieſe Anſtalt bitten. Herr, der du bis dahin dieſe Anſtalt in deine gnädige Obhut genommen haſt, der du ſie von Stufe zu Stufe zu ihrer jetzigen Geſtaltung und Ausdehnung geführet haſt, ſei und bleibe auch fernerhin ihr nahe mit deinem göttlichen Segen. Weihe du ſelbſt dieſes neue Gebäude zu einem Mittelpunkt geiſtiger Bildung und Geſittung, laß Unterricht und Er⸗ ziehung der Jugend darin wohlgedeihen zum Heile unſerer Stadt und des Vaterlandes.

Nachdem hierauf unter Muſikbegleitung das LiedLobet den Herren geſungen worden war, begab ſich die Feſtverſammlung in das ſchön decorirte Gebäude und betrat den feſtlich geſchmückten Zeichen⸗ ſaal, welcher die Zahl der Anweſenden kaum zu faſſen vermochte. Von den hohen Standesherrſchaften waren anweſend: Ihre Erlauchten die Graſen Ernſt und Arthur von Erbach⸗Erbach; die Großherzog⸗ liche Staatsregierung war vertreten durch die Herren Miniſterialrath Knorr und Oberſchulrath Becker, ferner waren anweſend: der Großherzogliche Kreisrath Joſt von Erbach, der Großherzogliche Bürgermeiſter Kredel und ſämmtliche Mitglieder des Stadtvorſtandes von Michelſtadt. Die Schlußfeier nahm nunmehr den im Programm 1878 vorgezeichneten Verlauf und wurde mit nachfolgender Rede des Unterzeichneten eröffnet:

Hohe und Hochgeehrte Anweſende! An dem heutigen Tage, an welchem die Realſchule feierlich in die Räume des neuen Realſchulgebäudes übergeführt wird, drängt es mich vor Allem, einen Rückblick auf die ſeitherige Geſchichte der Realſchule zu werfen, um zu zeigen, welche Entwicklungsphaſen dieſelbe bis dahin durchlaufen, und auf den Segen hinzuweiſen, welchen die Realſchule in allen dieſen Phaſen für die Gemeinde und die Gegend gebracht hat, um meinen innigſten Dank allen Denen auszu⸗ ſprechen, die unter Gottes Beiſtand die Schule bis dahin unterſtützt und gefördert haben, und endlich die Nothwendigkeit der Ausführung eines neuen Realſchulgebäudes darzuthun.

Die hieſige Realſchule wurde ſchon im Jahre 1834 auf dem Grunde eines von Sr. Erlaucht dem Grafen Albert von Erbach⸗Fürſtenau in den 20 Jahren gegründeten Progymnaſiums errichtet. Schon bei der Gründung des Progymnaſiums hatten Se. Erlaucht mit klarem Blick das Ziel im Auge, welches die neugegründete Anſtalt erreichen müſſe, indem Hochdieſelben in den Verhandlungen bei der Gründung des Progymnaſiums ausſprachen, daß dereinſt aus dieſer Anſtalt eine Realſchule werden müſſe, welche neben der Vorbereitung zu dem Gymnaſium dem Bildungsbedürfniß des Bürgerſtandes im ganzen Odenwald zu dienen habe. In dieſem Sinne wurde bereits im Jahre 1834 die hieſige Realſchule ge⸗ gründet und mit 26 Schülern und 5 Hospitanten, welche eine Klaſſe bildeten, und von zwei ordentlichen und 2 Hilfslehrern unterrichtet wurden, im Lokal der jetzigen Rentkammer eröffnet. Im Jahr 1835 wurde die Schule in 2, im Jahre 1836 in 3 Klaſſen getheilt und ein weiterer ordentlicher Lehrer angeſtellt,