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Der Unterzeichnete lud hierauf durch Ueberſendung des gedruckten Programms und theilweiſe unter Beifügung beſonderer Schreiben die Erlauchten Herrſchaften von Erbach⸗Erbach, Erbach⸗ Fürſtenau und Erbach⸗Schöͤnberg, die Großherzoglichen Behörden und die Gräflichen Beamten, die früheren Directoren und Lehrer der Anſtalt, die früheren Schüler derſelben, die Eltern der jetzigen Schüler, ſowie endlich die Honoratioren von Erbach und Michelſtadt ein. Nachdem an dem genannten Tag die zahlreich erſchienenen früheren Schüler der Anſtalt, ſowie die Gäſte und Eltern in den Zug eingereiht worden waren, begab ſich derſelbe unter Muſikbegleitung von dem Schulhofe des alten Realſchulgebäudes nach dem neuen Gebäude, woſelbſt der Stadtvorſtand denſelben erwartete und ſich bereits ein großes Publikum verſammelt hatte. Die Feier wurde eröffnet durch einen muſikaliſchen Vortrag, worauf der Gräfliche Baumeiſter den Schlüſſel des Gebäudes unter Worten des Dankes für das ehrende Vertrauen, das ihm durch die Uebertragung und Leitung des Bauweſens bewieſen worden ſei, dem Großh. Bürger⸗ meiſter überreichte. Dieſer hielt, bei Ueberreichung des Schlüſſels an Großh. Realſchuldirector, folgende Anſprache:
Hohe Anweſende! Hochgeehrte Feſtverſammlung! Wie es Pflicht aller Eltern iſt, den Kindern die möglichſte Schul⸗ und Ausbildung angedeihen zu laſſen und hierzu auch die erforderlichen Opfer zu bringen, ſo iſt es auch die Pflicht der Gemeinden für die Haltung und Förderung derjenigen Schul⸗ und Bildungsanſtalten nach Kräften einzutreten, durch welche den Eltern die Erfüllung dieſer Verpflichtung gegen ihre Kinder ermöglicht wird.
Von dieſem Geſichtspunkte ausgehend, haben unſere Vorfahren im Jahre 1834 die hieſige Real⸗ ſchule mit Müh' und Opfer in's Leben gerufen, dieſe Prinzipien haben es dem Stadtvorſtande ſeither zur Aufgabe gemacht und werden es, inſoweit dieſelbe nicht vom Staate übernommen wird, demſelben immer zur Aufgabe machen, für Förderung der hieſigen Realſchule einzutreten. Seither wurde dieſe Aufgabe der Gemeinde weſentlich dadurch erleichtert, daß von Seiten der erlauchten Grafen zu Erbach⸗Fürſtenau die Lokalitäten für die Realſchule unentgeltlich überlaſſen wurden. Die Gemeinde ſchuldet dafür dem gräflichen Hauſe großen Dank. Im Lauf der letzten Tage hatten wir die Ehre, Ihrer Durchlaucht der Gräfin zu Erbach⸗Fürſtenau dieſen Dank perſönlich zu übermitteln, ich halte es aber auch für meine Pflicht, Namens der hieſigen Gemeinde dieſen Dank hier öffentlich auszuſprechen. Durch Erweiterung der Realſchule in eine ſechsklaſſige, durch Erwerbung der damit verbundenen Berechtigungen iſt deren Schülerzahl ſo angewachſen, daß die vorhandenen Räumlichkeiten nicht mehr ausreichten; verſchiedene andere Mängel machten ſich immer fühlbarer, ſo daß die Frage der Beſchaffung anderer Räumlichkeiten nicht mehr zu umgehen war.
Von Seiten unſerer hohen Regierung wurde einerſeits an die Gemeinde die beſtimmte Forderung geſtellt, andere entſprechende Lokalitäten zu beſchaffen, anderſeits kam ſie auch der Gemeinde in wohlge⸗ neigteſter Weiſe dadurch entgegen, daß ſie eine Staatsbeihülfe fuͤr den Neubau in Ausſicht ſtellte und auch erwirkte. Die Gemeinde iſt hierfür der hohen Regierung zu großem Danke verpflichtet und gebe ich mir die Ehre, dieſem Dank den hohen Vertretern der Regierung gegenüber ehrerbietigſt Ausdruck zu verleihen.
Angeſichts dieſer zugeſagten Staatsbeihülfe ſiel es dem Stadtvorſtande leichter, den Beſchluß zu faſſen, ein neues Realſchulgebäude zu bauen, und die noch weiter hierzu erforderlichen, beträchtlichen Mittel zu verwilligen; er mußte, um die Schule hier zu halten, in den Apfel beißen, der hier, wie ſie ſehen, auf der einen Seite ein ſehr ſchönes Geſicht trägt und gewiß auch von der Realſchule zu ihrem Wohl und Gedeihen in angenehmer Weiſe empfunden wird, der aber auf der andern Seite in den Voranſchlägen und Rechnungen der Gemeinde auf noch lange Jahre einen bitteren Nachgeſchmack hinterlaſſen wird.
Nachdem nach vorausgegangenen Meinungsverſchiedenheiten uͤber die Platzfrage dieſe von der höchſten Schulbehörde in der beſten Weiſe entſchieden worden war, nachdem mittlerweile die Pläne gefertigt und genehmigt worden waren, wurde im Laufe des vorigen Sommers mit dem Bau begonnen; es wurde derſelbe ſo raſch betrieben, daß er jetzt in ſeiner faſt vollendeten Ausführung vor uns ſteht. Die Kritiken, die im Anfang des Baues vielfach und insbeſondere gegen die Front des Baues laut wurden, ſind nach und nach verſtummt; allgemein macht ſich die Anſicht geltend, daß hier ein ſchönes Schulgebäude zur Aus⸗ führung gebracht worden iſt. Und in der That, wir müſſen die verdiente Anerkennung zollen den Meiſtern, die den Bau geplant und geleitet; wir können aber auch die Anerkennung nicht verſagen den Handwerkern, welche den Bau in ſo ſolider Weiſe ausgeführt haben; unſern innigſten Dank aber müſſen wir Göott dem Allmächtigen darbringen, der das Leben und die Geſundheit der Arbeiter dieſes Baues während desſelben ſo gnädig beſchützt und beſchirmt hat.
So ſind wir nun hierhergekommen, um die Realſchule, die heute ihr ſeitheriges Lokal verlaſſen, an den Pforten dieſes Gebäudes in feierlicher Weiſe zu empfangen und in dasſelbe einzuführen.


