Jahrgang 
1872
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und dem Unterrichte meiner Kinder befaſſen, ich habe dazu keine Zeit; meine Geſchäfte erlauben das nicht; ich ſchicke ſie ja deßhalb in eine gute Schule; ich laſſe es mir etwas koſten und kann daher verlangen, daß die Schule meine Kinder in jeder Beziehung entwickelt und ausbildet. Wer alſo ſpricht, wird auch durch die beſte Schule die gewünſchten Reſultate nicht an ſeinen Kindern erzielen und in höchſt ungerechtfertigter Weiſe über die Schule eifern, während er doch nur ſeine eigne Bequemlichkeit und Gewiſſenloſigkeit anklagen ſollte. Wie ſollte ein Bäumchen gedeihen können, wenn man ihm zwar Luft und Licht und Wärme der Sonne geben wollte, es aber aus dem mütterlichen Boden, aus dem es entſproſſen iſt, reißen wollte, aus dem Boden der ihm täglich neue Nahrung, neuen Trieb zum Wachsthum zuführen muß. Hohe und hoch⸗ geehrte Anweſende, die tiefſten Wurzeln des Menſchen gründen in der Familie; wo dieſe Wurzeln faul werden; wo ſich die Bande der Familie lockern, da gehen alle Beſtrebungen der Schule und der Kirche, der Ge⸗ meinde und des Staates erfolglos zu Grunde. Es wird dieß durch die Geſchichte aller Staaten, aller Völker beſtätigt. Weder die Weisheit und Bildung des helleniſchen, noch die Tapferkeit und der Mannes⸗ muth des römiſchen Volkes konnten den Verfall dieſer Staaten aufhalten, nachdem das Heiligthum der Familie entweiht worden war, nachdem die Eltern ſich der natürlichen Pflichten gegen ihre Kinder, dieſe ſich der Ehrerbietung und Dankbarkeit gegen ihre Eltern entbunden wähnten. Dieß erkannten die tüchtigſten und weiſeſten Männer des Alterthums und es klingt wahrhaft rührend, wenn Horaz in der VI. Ode des III. Buches den Eltern ihre Pflichten vorhält, indem er ſie an die Eltern der berühmten Streiter in den puniſchen Kriegen, oder in den Kriegen gegen Pyrrhus, Hannibal und Antiochus erinnert:

Non his juventus orta parentibus

Infecit aequor sanguine Punico

Pyrrhumque et ingentem cecidit

Antiochum Hannibalemque dirum. Hor. lib. III C. VI.

Sind Sie nun, hohe und hochgeehrte Anweſende, darin mit mir einverſtanden, daß nur durch das Zuſammenwirken von Schule und Haus das bezeichnete Ziel zu erreichen iſt, ſo fragt ſich, in welchem Verhältniß Schule und Haus bei der Löſung der Aufgabe zu einander ſtehen müſſen. Das Verhältniß von Schule und Haus bei der Jugendbildung und Erziehung ergibt ſich aber leicht aus der verſchieden⸗ artigen Wirkſamkeit von Schule und Haus. Die Schule wirkt in ſyſtematiſcher Weiſe durch Unterricht und Disciplin auf die Entwicklung der köperlichen, geiſtigen und ſittlich⸗religidſen Anlagen des Kindes, ſie be⸗ nutzt zur körperlichen Ausbildung die erſt in unſerer Zeit wieder zur Geltung gekommene Gymnaſtik, durch welche nicht einſeitig der oder jener Körpertheil, ſondern alle Muskellagen des Körpers zur lebendigen Be⸗ thätigung kommen ſollen, ſie benutzt ebenſo alle die verſchiedenen Unterrichtsfächer zur allſeitigen Entwicklung der geiſtigen und ſittlich⸗religiöſen Anlagen und hat dabei den ganzen Menſchen im Auge, ſie benutzt dazu die disciplinariſchen Anordnungen, die lebendigen Anregungen der nach denſelben Zielen ringenden Schüler⸗ ſchaar und das lebendige Wort und Beiſpiel des Lehrers. Das Haus wirkt behütend und erweckend zu⸗ gleich und bringt die ſyſtematiſchen Anregungen der Schule zur vollen Geltung. Es hält alle ſtörenden Einflüſſe mit Entſchiedenheit ab, es zeigt in dem eignen Ringen nach den ewigen Gütern der Wahrheit und Sittlichkeit den klar erkannten und eifrig erſtrebten Lebenszweck. Sollte das Haus in dem rechten Verhältniß zur Schule ſtehen, in welchem die Kinder frühzeitig durch die mannigfaltigſten Vergnügungen und Zerſtreuungen abgezogen, durch eine Menge von Privatarbeiten geiſtiger oder materieller Art aufge⸗ rieben, ich will nicht ſagen, durch Gleichgiltigkeit gegen alle höheren Bedürfniſſe des Geiſtes und des Gemüthes abgeſtumpft, vielleicht gar durch witzelnde Bemerkungen oder durch das eigne ſchlechte Beiſpiel in Wort oder That auf irrige Bahnen gelenkt werden? Nein, hohe und hochgeehrte Anweſende, das kann nicht das rechte Verhältniß des Hauſes zur Schule ſein, vielmehr fordert dasſelbe keine ſyſtematiſche Beein⸗ fluſſung der Kinder, wohl aber ein freudiges Eingehen auf die ſyſtematiſche Arbeit der Schule, die Fern⸗ haltung aller ſtörenden Einflüſſe, öftere Anregungen des inneren Menſchen durch Wort und That. Das Haus ſteht nach unſerm Dafürhalten in dem rechten Verhältniß zur Schule, wo das Kind ſtets neue Kraft und Nahrung zu ſeinem körperlichen, geiſtigen und ſittlich⸗religiöſen Wachsthum empfängt, wo das körperliche Gedeihen des

zarten Kindes nicht gefährdet wird durch nachläſſige Gleichgiltigkeit oder verzärtelnde Schwäche, wo das aufkeimende Geiſtesleben gekräftigt wird durch das aufmunternde Wort und durch die hinreißende That, wo der erwachende Strahl göttlichen Lebens in der Seele des Kindes genährt wird durch ein inniges und