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daß darum Schüler, die die Realſchule zu früh verlaſſen, oft hinter den Schülern der Volksſchule zurückſtehen. Der wahre Nutzen der Realſchule tritt erſt in den höheren Klaſſen zu Tag, und Alles, was in den Unterklaſſen geſchieht, iſt nur Vor⸗ bereitung für die oben eintretende Fortſetzung und Vollendung. Darum können wir denn den. verehrten Eltern nicht nachdrücklich genug empfehlen, mit dem Austritt ihrer Söhne nicht allzuſehr zu eilen und durch ein allzufrühes Abſchließen der Schulzeit dieſelben nicht um all den Nutzen zu bringen, den die Realſchule ihren wirklichen Abiturienten, die ſie ganz abſolviren, in Ausſicht ſtellt. Gilt dieſer Rath ſchon bezüglich der Kenntniſſe, zu deren Erlangung die Schule die Gelegenheit bietet, alſo bezüglich der wiſſenſchaftlichen Seite derſelben, ſo gilt derſelbe noch in weit höherem Grade bezüglich der erziehlichen Seite der Schule.
Ich habe es ſchon oft und nachdrücklich hervorgehoben, daß unſere Schule nicht blos eine Unterrichts-, ſondern auch eine Erziehungsanſtalt iſt, und die letztere Aufgabe ſteht noch ungleich höher, als die erſtere. Kenntniſſe und Geſchicklichkeiten ſind ein ſchöner Schmuck des Menſchen und ſeines ganzen Strebens würdig; aber wo ſie nicht mit einem tüchtigen Character, mit edlen Grundſätzen, mit Wahrheits⸗ liebe und Gewiſſenhaftigkeit verbunden ſind, da gereichen ſie dem Einzelnen, wie der menſchlichen Geſellſchaft nicht zum Segen, ſondern zum Fluch. Darum iſt denn die Gewöhnung zu guten Sitten, die Begründung und Befeſtigung eines edlen Cha⸗ racters, die Unterweiſung zur Gerechtigkeit und Gottesfurcht, kurz, daß ich es bei ſeinem wahren Namen nenne, das religiös⸗ſittliche Moment, wie in der Erziehung überhaupt, ſo auch in dem Leben der Schule die hauptſächlichſte und wichtigſte Auf⸗ gabe. Gerade in dieſer Beziehung aber, das weiß Jedermann, der der Entwicke⸗ lung der Jugend mit einiger Aufmerkſamkeit folgt, kann in reiferen Jahren weit mehr geſchehen, als in den Jahren der Unerfahrenheit und des Leichtſinns. Wenn einmal, wie man zu ſagen pflegt, der Verſtand und die Einſicht dem Knaben ge⸗ kommen iſt und man an ſeine innere und äußere Erfahrung appelliren kann, ſtatt daß man in den jüngeren Jahren Alles auf Autorität hin ihm überliefern muß, dann wirkt ein Wort, ein Wink oft mehr, als lange Reden. Gerade in unſerer Zeit aber, wo der Sittlichkeit der Jugend durch Verführung und böſes Beiſpiel, durch das ganze raſchere und bewegtere Treiben, das in allen Verhältniſſen des Lebens ſich bemerk⸗ lich macht, ſo viele Gefahren drohen, ſollte man ſich freuen, wenn man ſie ſo lange als möglich der ſchützenden Aufſicht und den heilſamen Einwirkungen einer guten Schule überlaſſen kann. Der Jugend ſelbſt will es zwar oft nicht ſchmecken, das wiſſen wir recht gut, wenn ſie noch ein Jahr länger auf der Schulbank zurück⸗ gehalten wird, als ſie in ihren eitlen Träumen von Freiheit und Selbſtſtändigkeit ſich vorgeſtellt hat. Es geht ein Zug durch die Jugend der Gegenwart, und er macht ſich dem tiefer blickenden Beobachter auch in unſeren engen Verhältniſſen be⸗ merklich, recht ſchnell und wo möglich mühelos gebildet zu werden, gerade ſo, wie unter den Erwachſenen weithin die Sucht verbreitet iſt, recht ſchnell und mühelos reich zu werden. Aber iſt das Letztere ſchwer, ſo iſt das Erſtere ganz unmöglich; ein Firniß, ein äußerer Schein von Bildung kann zwar ſchnell und leicht gewonnen werden, eine ſolide, wahre Bildung aber nimmermehr. Eins der beſten Kriterien der wahren Bildung iſt Demuth und Beſcheidenheit; ein herrliches Beiſpiel dafür iſt der weiſe Sokrates, dem doch kein Zeitgenoſſe an Weisheit und Einſicht gleich⸗ kam und der dennoch einſt von ſich ſagte:„Ich weiß nur, daß ich Nichts weiß.“


