Nach der ſeit 1840 beobachteten Sitte unſrer Schule, nur jedes zweite Jahr von den voll⸗ endeten Lehrpenſis Bericht zu erſtatten, unterbleibt dieſe Mittheilung in dieſem Jahre. Den dadurch gewonnenen Raum in dem Programme darf ich zu meiner Freude zum Abdruck der nachfolgenden Bemerkungen zu Tacitus' Agricola und zu Xenophon's Anabaſis benutzen, von denen die erſteren Herr Director Jacob, die zweiteren Herr Dr. Dettmer mir freundlichſt mitzutheilen geſtattet haben.
Zu Tacitus.
Unter den mancherlei Stellen im Agricola des Tacitus, welche den Scharfſinn der Ausleger und Kritiker in Anſpruch nehmen, iſt eine der bedenklichſten im 36. Kapitel dieſe: Interim equitum turmae fugere, covinarii peditum se praelio miscuere. Darin aber, ſo viel ich ſehe, ſtimmen alle Ausleger überein, daß ſie den Satz als den ver⸗ ſtümmelten Bericht von einem Siege der römiſchen Reiterei über die caledoniſchen Wagenlenker anſehn. Ich habe die entgegengeſetzte Anſicht und will verſuchen ſie zu rechtfertigen.
An die Spitze ſtell' ich den in der Theorie ſicher von Allen gebilligten Grundſatz: In unklaren oder ſchadhaften Stellen von hiſtoriſchem Inhalte, den wir, wie in gegenwärti⸗ gem Falle, nur aus ihnen allein erfahren, haben wir mit der gewiſſenhafteſten Vorſicht alles willkührliche Hineintragen von unſrer Seite zu vermeiden, und den vorliegenden Spuren der Erzählung mit möglichſt unbefangenem Auge nachzugehn. Wend' ich dieſen Grundſatz hier an, ſo iſt das Ergebniß, daß die Stelle geſund und ihr Sinn dieſer ſei: Interim equitum turmae fugere. Covinarii peditum se praelio miscuere. Et quamquam recentem terrorem intulerant, densis tamen hostium agminibus et inaequalibus locis haerebant etc., alſo:„Unter⸗ deß wurden unſre Reiterſchaaren in die Flucht geſchlagen; die Covinarier mengten ſich in den Kampf der Fußtruppen. Und allerdings erregten ſie beim erſten Anſtürmen Verwirrung: aber ſie wurden durch die dichten Schaaren der Feinde und das ungleiche Terrain behindert.“ Hätt' ich vielleicht für den erſten Theil meiner Ueberſetzung den Vorwurf zu erwarten, daß ich in Vergleich zu den römiſchen Worten zu viel Accent in ſie gelegt habe, ſo werd' ich die⸗ ſem Einwurf ſpäter begegnen. Zunächſt wollen wir beweiſen, daß dieſe Auffaſſung des Reiter⸗ treffens— Flucht der Römer— mit dem Gange der ganzen Schlacht in Allem vollkommen zuſammenſtimmt, während die gewöhnliche Annahme— Sieg der römiſchen Reiterei— uns in eine Menge unlösbarer Widerſprüche und Schwierigkeiten in Sache und Sprache verwickelt.


