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Die Geschichte erzählt von großen Männern und ganzen Völkern. die durch solche opfer- willige Staatsgesinnung ausgezeichnet waren. Wir denken an jenes staatlich begabteste und vorbildlichste Volk der Römer. Da handelte man, wenigstens so lange die alte Republik und die gute alte Römerart und-sitte noch unversehrt und lebendig waren, nach dem in ihrer Sprache geprägten Wort: Salus rei publicae supreina lex esto. das Wohl des Staates soll das oberste Ge- setz sein. Aber wir brauchen nicht so weit zurückzugreifen. Kein leuchtenderes Beispiel für vorbildliche Staatsgesinnung wüßte ich als unsern hochverehrten Herrn Reichspräsidenten von Hindenburg, den sich das deutsche Volk auf der Basis eines streng demokratischen Wahlrechts zum obersten Beamten und Repräsentanten seines Staates gewählt hat. Er ist groß und ein Führer des Volkes in Waffen geworden im alten Macht- und Obrigkeitsstaate; diesem gehören zweifellos seine Sympathien; er hat ihn nur mit Schmerz hinsinken sehen, wie viele von uns. Aber das hat ihn nicht gehindert, als der Ruf des Volkes an ihn erging, trotz seines hohen Alters mit Seiner letzten Kraft sich auf den Boden des neuen Staates zu stellen und die Pflichten seines hohen und verantwortungsvollen Amtes auf sich zu nehmen. Er hat den Eid auf die Verfassung geleistet und ihn treu gehalten, hoch über allen Parteien als oberster und treuester Diener des Staates.
Denn unser deutscher Staat ist— man muß das leider manchmal besonders sagen und betonen— unser deutscher Staat ist das Deutsche Reich, in dem die Länder: Preußen, Bayern und die anderen nur untergeordnete Glieder sind, eine Art von großen Selbstverwaltungskörpern. Aber dieses unser Deutsches Reich ist ein staatliches Gebilde, das infolge seiner Geschichte und Struktur und augenblicklichen Lage in ganz besonderem Maße die Hingabe aller seiner Glieder nötig hat. Das deutsche Volk. viele Jahrhunderte lang zersplittert in zahlreiche Stämme, die sich oft und lange heftig befehdet und noch vor gut einem halben Jahrhundert einen blutigen Bruderkrieg gegen einander geführt haben. ist erst spät zur staatlichen Einheit gelangt. Und dazu noch ist diese Finheit erstens nicht vollständig und zweitens nur lose gefügt. Sie ist erstens im Sinne des Volksstaates nicht vollständig; weil ein großer deutscher Stamm, die Oesterreicher, noch außerhalb stehen. Doch was versteht man unter Volksstaat? Ein Volksstaat ist ein Staat, in dem sich die Begriffe Volk und Staat ganz oder einigermaßen decken, was ia keineswegs immer der Fall zu sein braucht. Ein Staat kann mehrere Völker oder Volksteile umfassen, wie z. B. die Schweiz; ein Volk kann auch in mehrere Staaten zerfallen, wie z. B. Deutschland und Oesterreich; und endlich können, wie gesagt, die Begriffe Volk und Staat sich decken, wie z. B. annähernd in Frankreich. Das letztere ist der vollkommenste und darum auch von uns zu er— strebende Zustand. Warum? Erstens vom Standpunkt des Volkes aus. Denn jedes Volk muß ja den Wunsch haben, alle seine Glieder in staatlicher Einheit, im Schoße eines gemeinsamen Vaterlandes zu umfassen. Zweitens aber auch vom Standpunkt des Staates, weil dann die zum Gedeihen des Staates erforderliche Staatsgesinnung, ein an sich etwas kühler Verstandes- und Pilichtbegriff, eine befruchtende Förderung erfährt durch das belebende Gefühlsmoment eines natürlichen, warmen Volksgefühls. Aus diesen rein sachlichen und ganz überparteilichen Grün- den sollte, wie ich persönlich meine, der Anschluß Oesterreichs das nächste politische Ziel sein aller Deutschen und Oesterreicher, die von wahrer Staatsgesinnung für einen deutschen Volks- staat durchdrungen sind. Ein Ziel, an dessen Erreichung mitzuarbeiten namentlich unsere junge Generation berufen ist, ein beneidenswertes Ziel, alle Deutschen zu einigen in einem großen, blühenden Staate, unter einer Verfassung und einer Faline.
Die staatliche Finheit des Deutschen Reiches ist aber nicht nur nicht vollständig, sie ist zweitens auch nur lose gefügt. Von der früheren Zersplitterung ist noch viel Eigenbrötelei und Sonderbündelei, noch viel Kurzsichtigkeit und Kirchturmpolitik einzelner Stämme übrig ge— blieben, die durch gegenseitigen Hader und Eifersüchteleien viel Mißstimmung schaffen, viel Kraft und Geld verbrauchen, den Fortschritt hemmen und nach innen und außen die Kraft und das Ansehen des Reiches schwächen. Dazu kommt der Zwiespalt der Konfessionen, der Hader und Streit der Stände und Parteien und zur Zeit auch noch die wirtschaftliche Not und der Druck der Kriegslasten. So schon kommt es aus ganz natürlichen Gründen, daß die Einheit und innere


