Jahrgang 
1929
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Geschlossenheit des Deutschen Reiches längst nicht so fest gefügt ist, wie bei anderen, glück- licheren Völkern, und darum ist bei uns eine sorg fältige Erziehung zu staatsbürgerlicher Einsicht und Gesinnung in besonderem Maße nötig. Wir Deutsche singen zwar:Deutschland, Deutschland über alles, andere aber, die Franzosen z. B. handeln nach dem Grundsatz: Frankreich über alles.

Auch hier wartet der jungen Generation eine schöne und große Aufgabe. Ich will Sie, wie schon gesagt, nicht politisch beeinflussen; ein jeder soll seine Entscheidung nach eigener, freier Wanhl treffen. Aber überparteilich darf gesagt werden: Wenn es richtig ist, was ich von der Notwendigkeit staatsbürgerlicher Gesinnung und von den nächsten und wichtigsten Zielen der Deutschen gesagt habe, dann meine ich, jeder sollte sich bei seiner politischen Stellungnahme leiten lassen von den Interessen und Lebensfragen des Staates, nicht aber von Standes- und Klassenfragen und anderen untergeordneten Parteiforderungen. Und nicht nur das: jeder sollte durch seine eigene Lebensführung, durch eine staatsbürgerlich gerichtete Auffassung und Aus- übung seines Berufes und durch Einwirkung auf andere in Wort und Beispiel danach streben, diesen Zielen immer näher zu kommen. Man hat gesagt, die neue Zeit habe keine Ideale, aber welch höheres Ideal könnte es geben, als wirken und schaffen, leben und streben für die Einheit und Größe, für Bildung und Gesittung, für Kultur und Zivilisation seines Volkes und Staates?

Die Schule ist ein Staat im Kleinen. In der Schule soll der Zögling lernen, nicht bloß im Unterricht, sondern auch, und vor allem, durch das Leben in der Gemeinschaft, einmal daß die Gemeinschaft nicht gedeihen kann, ohne verständnisvolle Einordnung und Einfügung des Ein- zelnen, und zweitens, daß der Einzelne sich nur wohlbefinden kann in einer wohlgeordneten und wohlgefügten Gemeinschaft.

Ich freue mich, unseren Abiturienten in ihrer Abschiedsstunde das Zeugnis ausstellen zu können, daß sie die Jahre hindurch ein erfreuliches Verständnis für die Notwendigkeit und den Wert einer Gemeinschaftsgesinnung gezeigt haben So ist zu hoffen, daß aus dieser Schulge- sinnung auch erwächst oder schon erwachsen ist die uns Deutschen so notwendige Staatsge- sinnung. Und so entlasse ich Sie aus dem Verbande der Schule mit guter Zuversicht. Ich spreche im Namen des Lehrerkollegiums und der Schülerschaft Ihnen und Ihren Eltern unsere herzlich- sten und aufrichtigsten Glückwünsche aus und wünsche Ihnen alles Gute auf allen Ihren zu künftigen Wegen. Gottes reichster Segen begleite Sie stets und immerdar!