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Noch einen kleinen Schritt will ich weiter gehen. Die Regierungen aller deutscher Staaten befördern die landwirtschaftlichen Vereine. Strebsame Beamte auf dem Lande kommen der Regierung in ihren Bemühungen entgegen. Wenn wir diese Liebhaber einmal ernstlich darnach fragen würden, wie ernährt sich eine Pflanze? was ist Assimilation, was Stoffwechsel, wie wo und wann vollziehen sich diese Vorgänge? Oder man redet von der Wiesencultur. Wer kennt die Wiesen- gräser?— das Zittergras nehme ich aus— wer weiss es, welche von diesen Gräsern Kräuter, welche Stauden sind? Haben diese Worte für den Bestand der Wiese eine Bedeutung? ffentliche Gesundheitspflege ist ein anderes Ding, das für das Zusammenleben der Menschen von grösster Bedeutung ist. Wer kennt von Bacillen, Bacterien, Kohlensäure mehr als das Wort? Hand auf's Herz! Noch zum Schlusse ein anderes Beispiel. Die Sterne bewegen sich in der Richtung von Osten nach Westen; das haben wir in der Schule gelernt. Wer sah mit seinen eigenen Augen die Bewegung, die sich meist rascher vollzieht, als der grosse Zeiger auch der grössten Thurmuhr sich vorwärts schiebt? Wer selbst hat jemals den Mond als Trabanten der Erde, die Venus als Wandelstern erkannt oder die Wahrheit der Angabe Homers„dass der grosse Bär nie im Ocean bade“ selbst geprüft? Und doch ist es so leicht. Diese Beispiele mögen genügen. Man gesteht bereitwilligst seine Unkenntnis zu und macht die Schule dafür verantwortlich. Ich glaube, der Vorwurf ist berechtigt; doch müsste es statt Schule, Schuleinrichtung heissen. Deswegen unterschreibe ich von Herzen gern die erste Hälfte der Schiller'schen These: Ohne eine gewisse Summe von natur- geschichtlichen Kenntnissen ist heute eine allseitige geistige Ausbildung unmöglich. Und nun noch zur zweiten Hälfte, die ebenso berechtigt ist. Man reist heute viel, liest weit mehr und über vielseitigere Dinge als früher, unsere Interessen gelten nur selten noch allein dem Vaterlande, fremde Länder, Kolonien, der ganze Erdkreis wandert täglich in jeder Zeitung an uns vorüber. Jede neue Umgebung bringt neue Verhältnisse. Die Menschen bleiben in ihrem Thun und Treiben, in ihrem Wollen und Streben meist dieselben, nicht die Natur. Ihr aber muss der Mensch sich anbequemen. So bedingt gar zu häufig schon die Veränderung der Unterlage, d. h. des Bodens, der ihn trägt, gänzliche Umgestaltung in der Erwerbsthätigkeit des Menschen. Hier ist er Ackerbauer, dort Viehzüchter, hier Bergmann, dort Steinbrecher, hier Torfgräber, dort ist er allein auf den Verdienst aus der Industrie angewiesen.
Eine Höhenwanderung zeigt uns oft grossen Wechsel in der Pflanzen- und Tierwelt, und erst welche Veränderungen treten dem sehenden Blick des Menschen entgegen, wenn er die Heimat verlässt, um als Auswanderer, Kaufmann, Techniker oder Forscher fremde Länder aufzusuchen!
Aber auch in unserer nächsten Umgebung zeigt das Zusammenleben der zahlreichen Tier- und Pflanzenformen und Gestalten, der Wechsel der Jahreszeiten, die mannigfaltigsten Erscheinungen, die des Bemerkenswerten die Fülle bieten.
Für alle diese Veränderungen und Vorgänge sollte das Auge des gebildeten Menschen geöffnet sein. Viele von ihnen gehen indessen blind durch die herrlichste Natur, sie hängen angeblich ihren Gedanken nach, nun sie müssen es, weil die Umgebung für sie inhaltslos und tot ist.
Viele andere aber, denen die Eigenbeobachtung fehlt, halten einfache Dinge schon für unfassbar, sobald sie ihnen nicht geläufig sind, und machen es wie jene Studenten im physikalischen Laboratorium. Als der Lehrer von Sinus- und Tangentenbussole sprach, entschied eine Anzahl der wissbegierigen Schüler: Sinus und Tangente sind so geheimnisvolle Grössen, dass der Vortrag dieses Professors sicherlich für uns viel zu gelehrt und also verkehrt ist. Schwänzen wir darum in Zukunft seine Vorlesung, und verlassen wir uns in der Prüfung auf das Glück, das die liebe Einfalt beschützt!
Der Schulunterricht müsste und könnte hier Wandel schaffen.


