— 9—
die Jugend nichts Rechts, so treibt sie was Schlecht's“, dann wird man dieser Thätigkeit, die den Knaben in der Regel völlig einnimmt, die Wertschätzung nicht versagen. UÜbersehen soll man auch nicht, dass solche in der freien Natur zielbewusst und arbeitsvoll zugebrachten Stunden besonders geeignet sind, das höchste Ziel, das jede Schule sich stellt: Körperlich und geistig esunde und brauchbare Männer zu erziehen, mit erreichen zu helfen.
Freilich müsste dieser durch den Unterricht zu hebende Sammeleifer auch durch den Einfluss der Schule geläutert und in erlaubten Grenzen gehalten werden. Wer Schülerexkursionen regelmässig veranstaltet hat, weiss beispielsweise mit mir, dass der Lehrer fast unablässig gezwungen ist, darauf hinzuweisen, dass es polizeilich unerlaubt ist und von dem Standpunkt eines sittlich guten Menschen als eine Rohheit betrachtet werden kann, wenn etwa um einer hübschen Blume halber Gras auf den Wiesen zertreten, oder um eines Unkrautes willen Getreidehalme gedankenlos geknickt werden. Gerade das fehlende Verständnis dafür wird ja so häufig den landbesuchenden Städtern von den Landbewohnern als Mangel an Takt ausgelegt, wenn jene sich die eben genannten Vergehen— leider häufig genug— zu Schuld kommen lassen. In unseren Lehrplänen findet sich freilich zur Zeit noch wenig Raum für Exkursionen. Sie werden mit keiner Silbe erwähnt, selbstverständlich ist auch die für Lehrer und Schüler dazu notwendige Zeit nicht vorgesehen.
Nun noch ein paar Worte zur Schiller'schen These, die ich als Nr. 5 angeführt habe.
Was heute zu einer allseitigen geistigen Ausbildung gerechnet werden kann, dürfte ein viel umstrittener Punkt sein. Der materielle Zug unserer Zeit sieht alles Heil in der Ansammlung vielseitig und praktisch verwendbarer Kenntnisse. Die Realschulmänner wollen dabei andere, wie der Verein der Schulreformer, und dieser ist wieder anderer Meinung, wie die Verteidiger der heutigen Gymnasialbildung. Die Vertreter der einzelnen Richtungen sind in ihren Forderungen selten sehr bescheiden, und da Gründe billig wie Brombeeren sind, so will ich auch einige zu Gunsten der naturwissenschaftlichen Bildung anführen. Einige selbst erlebte Thatsachen sollen reden, vielleicht leiht mir der eine oder andere meiner freundlichen Leser aus seiner Erfahrung Unterstützung. Ein junger Gelehrter hat an einem Gymnasium unserer grössten Städte das Maturitätsexamen bestanden, und kommt auf das Land. Er ist nicht imstande, Zwetschen- und Apfelbäume, Roggen und Weizen, Gerste und Hafer zu unterscheiden. Ein anderer aus ähnlicher Stellung weiss, dass es eine Rot- und eine Hain- oder Weissbuche gibt. Die hie und da in Gärten sich findende Spielart Blutbuche hält er für die Rotbuche, unsere ausgedehnten Rotbuchenwälder aber für: die Weissbuche! In einer Stadt sitzen eine Anzahl junger Männer beisammen. Man spricht von der Kiefer und Fichte— in Süddeutschland gemeinhin Tanne genannt.— Uber die Unterschiede kann man sich nicht eher einigen, als bis man das Christbäumchen zu Hülfe nimmt und bestimmt: Was wie ein Christbäumchen aussieht, ist eine Fichte und keine Kiefer! Ein ebenso wunder Punkt ist die sichere Kenntnis der essbaren Pilze. Ueberall wachsen dieselben, doch wer von den Gebildeten kennt sie? Auch noch einmal zu den Steinen. Da ist der Basalt. Basalt ist Basalt, höre ich manchen sagen, ein Stein sieht aus wie der andere. Wolltest du nur einmal ordentlich zusehen, du solltest schon über deine Entdeckungen, die dir das unbewaffnete Auge liefert, erstaunen. Du findest dichtkörnigen Basalt mit muschelig glasigem Bruch, andern, der beim ersten Hammerschlage in zahlreiche vieleckige Körner zerfällt, hier solchen, der zellig blasig ist, in seiner Struktur an die Bienenwabe erinnert, wieder andern, der deutlich kleinkörnig wie Sandstein erscheint. Tiefschwarze Gesteine wechseln mit blauschwarzen bis graufarbigen und roten ab. Hier werden einem Steinbruch-Platten, von mehreren Metern Länge, dort sechs- bis siebenmetrige Säulen entnommen, und andererorts siehst du den Basalt in grossen, kugelähnlichen Blöcken sich runden!—


