Jahrgang 
1892
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blättertragenden Glieder zu recken, und so diese dem verderblichen Einfluss des Gipfelschattens zu entziehen. Wer verstände jetzt nicht die weitästigen Eichen und Platanen mit ihren grossen Blattflächen in Zusammenhang zu bringen, und die hochaufstrebende, gedrungene Haltung unserer Fichten, deren äusserste Zweigspitzen sich aufwärts dem Lichte zuwenden, durch ihre schmal- nadeligen Blätter zu deuten?

Unsere Herbstwanderung führt durch weite Thalgründe, wo der durch den Pflug umgebrochene, kalkhaltige Lehmboden mit gebleichten Schneckenhäusern und Muschelschalen durchsetzt ist, die den Lebewesen der Jetztzeit jener Gegend nicht gleichen, oder wo in sandigem Untergrund nesterweis fremdartige Gesteinsbrocken sich finden, die das Volk Findlinge nennt, und auf Berge, wo der Kalkmantel meerbewohnender Weichtiere die Ammonshörner keine Seltenheit ist. Vorbei an Steinbrüchen wandern wir, aus denen seit Jahrhunderten Kalksteine zu Bauzwecken gewonnen werden. Eigenartig ist das Material, das Millionen von Schneckenhäusern und Muscheln birgt. In Sandgruben rasten wir, wo uns die Arbeiter Haifischzühne anbieten oder Knochenreste fremdartiger Tiere zeigen. An den Seiten eines Hohlweges sehen wir ein Lager Muscheln angeschnitten, die in Form und Grösse den Austernschalen sehr ühnlich sind. Hier bedecken dichtkörnige Kalk- oder Sandsteine, dort in dünne oder dickere Platten gespaltene Schiefer ganze Quadratmeilen, Flüsse und Bäche haben sich ein tiefes Bett hineingewühlt, so dass oft bizarre Formen entstehen. Zahlreiche Abdrücke und Einschlüsse von Tier- und Pflanzenresten finden sich in diesen Gesteinen, die der Arbeiter staunend zu Tage fördert. Andererorts zeigen hervorragende Kuppen und ganze

Bergzüge anderes Gepräge, graukörnigen Granit in gewaltigen Blöcken ein Felsenmeer die Bergeshänge zierend, roten Porphyr, säulengliederigen Basalt, den eine halbzerfallene Burg ein stummer Zeuge der Herrlichkeit längst vergangener Zeiten krönt. Aus den Braun- und

Steinkohlengruben werden sonderbare Pflanzen und Pflanzenteile zu Tage gefördert und in öffentlichen Sammlungen der staunenden Menge zugänglich gemacht. Wo ist der Faden, der uns durch dieses Gewirr rätselhafter Erscheinungen sicher hindurchführt? Sieh' dich nur um, du wirst ihn finden. Betrachte das Spiel der Bäche, die wir überschreiten, oder deren Lauf wir aufwärts zu den Höhen folgen. Vielerlei Leben birgt sich hier. An ruhigeren Stellen sind im losen Sande heerdenweis Muscheln angesiedelt, einen Teil ihres Hinterendes hervorstreckend und kleine Wirbel durch das Wasser, das sie ausspritzen, veranlassend. Zwischen den Wasserpflanzen, die ihre reifen Blüten über den Flüssigkeitsspiegel herausheben und den befruchteten Samen schützend im Wasser versenken, tummeln sich zahllose kleine Krebse, in ihrer Mehrzahl den Fischen zur Nahrung dienend. Hier nagt der Bach an seinen Ufern, unterwäscht die Decke, auf der noch eine Erle grünt. An anderen Stellen setzt er die gelösten erdigen Bestandteile in fein verteiltem Zustand als Schlamm wieder ab. In ihm werden die Ueberreste der im Wasser gestorbenen Tiere, die entwurzelten Pflanzen, die durch den Wind hineingetragenen Blätter und Blütenteile der Landpflanzen eingebettet, um vielleicht nach Jahrtausenden als sogenannte Versteinerungen oder Abdrücke wieder an das Tageslicht zu kommen. Das fliessende Wasser und der Wellenschlag zertrümmern grössere Felsblöcke zu kleinkörnigem Sand, werfen die Bruchstücke an das Ufer, lassen sie an seichteren Stellen liegen, oder runden und glätten sie, dieselben mit sich führend, ab. Die Bildung der Dammerde und des Torfes vor unsern Augen sind uns ein Gleichnis für die Entstehung der Braun- und Stein- kohlenlager. Die noch vorhandene vulkanische Thätigkeit zeigt, dass neue Gesteine dem Innern der Erde entquellen, sich als Kuppen auf die alte Unterlage aufsetzen, oder in breiten Strömen diese überlagern, ganz so wie es bei den Graniten, Porphyren und Basalten der Fall ist.

Nah und fern sehen wir uns also von einer Menge rätselhafter Erscheinungen umgeben, deren Lösung unsere Einbildungskraft herausfordert und unsern Verstand in nicht minderem Masse