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4) Die Hinlenkung des Schaffens- und Lerntriebes unserer Jugend in Bahnen und auf Dinge, die dem Körper und Geiste nützen und der Seele nicht schaden, und endlich
5)* Die Erlangung einer gewissen Summe von Kenntnissen, ohne die heute eine allseitige geistige Ausbildung, ein klares Verständnis für und eine Beteiligung an der Kulturarbeit unmöglich ist. Schliessen wir hier an:
Sehen und Beobachten sind Thätigkeiten, die wir schon von frühester Jugend an verrichten, und deren Sicherheit durch den Gebrauch zunimmt. Ein aus dem Anschauen sich ergebendes bewusstes Erkennen von Körpern oder Erscheinungen ist eine Mitgift, die von Hause aus nur wenigen Menschen in den Schoss gelegt ist, die Mehrzahl der Menschen muss bewusstes Erkennen erlernen. Sind wir darin geübt? Ein Beispiel:
Taufrisch und sonnenklar ist einer jener unbeschreiblich schönen Morgen in der zweiten Maihälfte heraufgezogen, der uns nicht länger im engen Hause bleiben lässt. Fröhlichen Herzens ergreifen wir den Wanderstab, um draussen in Flur und Wald die von Frühlingsduft durchwürzte, von munterem Vogelschlag durchzitterte Luft in vollen Zügen zu geniessen. In den Anlagen der Stadt, auf den öffentlichen Plätzen blüht— wie mit bunten Lichtern besetzt— die Rosskastanie, an der Landstrasse wechseln Ahorn, Linde, Ulme und Pappel in reichem Gemisch mit einander ab, blühende Birn- und Apfelbäume zieren die benachbarten Felder, auf denen der langhalmige Roggen wogt, und die Rotbuche, die Eiche, die Birke, die Erle, die Haselnuss des nahen Waldes sind mit jenem Grün gekleidet, das kaum ein Malerpinsel völlig nachahmen wird. Strassenränder, Bachufer und Wiesengrund leuchten in frischem Grün, und dem üppigen Grase mischen sich tausendfach das in zierliches Weiss gekleidete sparrige Schaumkraut, die sattgelben Dotterblumen, die weissen Schirme des meergrünen Kümmels oder riefestengeligen Kerbels, die blauen Köpfe einer Glockenblume bei, ihre Kronen weit geöffnet— wie dürstend— dem Lichte zuwendend. Unter einer Baumgruppe am Bachufer reckt das Windröschen seine blassroten Blütenglöckchen aus dem Grase hervor, in dessen Unterwuchs das weißstrahlige und gelbherzige Gänseblümchen sich verbirgt. An trockenen Hängen blühen in weithin leuchtendem Gelb das Frühlingsfingerkraut und das Ausläufer treibende Habichtskraut. Auf den Wiesen beginnen die Gräser zu stäuben, hübsch regelrecht ihre Zeit einhaltend. Die weissliche Kammschmiele und der mächtige, gekniet- grannige Glatthafer eröffnen den Reigen, der Fuchsschwanz und das Ruchgras folgen ihnen nach, Straussgras und Perlgras warten bis zum Mittag, und erst wenn die Sonne zu sinken beginnt, schliessen Trespen und Rauhhafer den Reigen. Ahorn und Buche, Linde und Eiche, Pappel und Birnbaum unterscheiden wir durch die jedem Baume eigentümliche Tracht— den Baumschlag— auch ohne dass wir zuerst die Blätter besehen. Worin liegt der Grund dieser Eigenart? Willst du den wesentlichsten erkennen, so nimm einen einzigen beblätterten Zweig jedes Baumes in die Hand und betrachte genauer die Stellung seiner Blätter. Was wir dort finden, das will ich nicht verraten, da gewiss jeder meiner freundlichen Leser im nächsten Frühjahr selber zusieht, doch soviel will ich zufügen: Nahe den Stellen, wo heute die Blätter sitzen, entwickeln sich später die Seitenzweige, und die jedem Baum eigentümliche Art der Verästelung bedingt zum grössten Teile „den Baumschlag“.— Vielleicht fällt dir bei deinen Betrachtungen das ganz Absonderliche in dem einfachen Ulmenblatte auf, dessen Spreite durch die Mittelrippe in zwei sehr ungleiche Teile zerlegt wird. Sahst du bei der Mittagsruhe, die du im bunten Wiesenteppich unter dem Schatten eines Baumes hieltest, in den Blüten der Butterblumen und Windröschen die kleinen, glänzend schwarzen oder tiefgelben Tierchen— Würmchen wirst du sie nennen, obwohl sie die erste
* Dr. H. Schiller, Handbuch der praktischen Pädagogik, 2. Auflage 1890.


