Jahrgang 
1892
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Der naturgeschichtliche Unterricht.

Spricht man von neuern naturwissenschaftlichen Erfindungen, Entdeckungen und Fortschritten, so schlägt man einen allen Kulturmenschen bekannten Ton an. Fast selbstverständlich freilich ist es, dass nur die Dampfmaschine, der Telegraph, der Fernsprecher, die magnet-elektrische Maschine oder die Leistungen der hochentwickelten chemischen Industrie gemeint sein können. Physik und Chemie sind die Lieblingskinder der Neuzeit. Fortschritte in der Tier-, Pflanzen- und Gesteinskunde und deren Bedeutung finden viel weniger Verständnis bei der grossen Menge und auch nur sehr einge- schränkte Zustimmung bei den Gebildeten. Die Tierkunde hat zur Not noch ihre Freunde. Handelt sie doch auch von Rennpferden und Zuchtvieh, von buntgefiederten Sängern und prächtigen Schmetter- lingen, von dem Koloradokäfer und der Reblaus, und gelten doch der neuerfundeneKampf ums Dasein,die Abstammungslehre für viele unverständige Bewunderer Darwins als wissenschaftlich unanfechtbare Dogmen, die in wenigen Worten das ganze Geheimnis der Natur enthüllen! Aber Pflanzen- kunde und Mineralogie, brr! Da heisst es: Nichts wie Namen, ganze dicke Bücher voller Namen, deren Erlernung weder den Verstand befriedigt, noch Einbildungskraft voraussetzt; ohne das Mikroskop ist ja nichts Interessantes mehr zu sehen, und um Entdeckungen zu machen, da muss man heute vweit hinaus, mindestens nach Inner-Afrika, denn hier in Europa ist doch alles schon entdeckt! Dass diese Vorstellungen, trotz ihrer weiten Verbreitung, irrige sind, will ich in dieser Skizze zunächst für die Botanik zu beweisen versuchen, und gleichzeitig die Wege andeuten, auf denen eine Besserung gegen die heutige Lage möglich wäre. Da die Schule bei unserer Untersuchung mit in Betracht kommt, so will ich meine Auseinandersetzungen und Wünsche der Formel:Ziel, Umfang und Methode des naturgeschichtlichen Unterrichts angliedern.

Ziel des naturgeschichtlichen Unterrichts.

Wir verlangen:

1) Vervollkommnung und Schärfung des Beobochtungsvermögens durch Betrachtung geeigneter Naturkörper im Ganzen und in ihren Teilen, und durch die Hinlenkung des Blickes auf die um uns sich unaufhörlich vollziehenden Veränderungen der Erdoberfläche.

2) Die Entwickelung der Fähigkeit, Angeschautes zu Begriffen zu erheben und so die Denkfähigkeit zu fördern.

3) Die Erweckung des Verständnisses dafür, auf welche Weise die Veränderungen an der Erdoberfläche unter dem Einflusse des Wassers, der Luft und der vulkanischen Thätigkeit zustande kommen. Die Gewinnung eines Einblickes in die Ordnung der Dinge unter sich und ihre zahlreichen Beziehungen zu den Bedürfnissen des Menschen, bei gewissen- hafter Festhaltung: dass jedes lebende Geschöpf, als aus Gottes Hand hervorgegangen, eine mindestens nicht rohe Behandlung durch das vornehmste aller Geschöpfe den Menschen verdient.