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Die freien Arbeitsgemeinschaften.
Zwölf lehrplanmäßige Stunden stehen für die Oberstufe wöchentlich zur Verfügung, die der Minister für freie Arbeitsgemeinschaften be- stimmt hat, und zwar zu dem Zweck, Stoffgebiete des Fachunterrichts zu ergänzen und zu vertiefen, erlernte Arbeifsmethoden in freier Selbsttätigkeit zu erproben, im besonderen auch philosophische Lektüre zu freiben. Sie sind wahlfrei.
Der Oberstufe ist damit eine gewisse Bewe- gungsfreiheit gegeben. Besondere Begabungen, außerhalb der Schule oder im Unterricht ge- weckte Interessen, die in unserem Gymnasium oder Realgymnasium nicht berücksichtigt werden können, erhalten hier Gelegenheit zu freier Be- tätigung. So können sich Schüler des Gym- nasiums zu chemischen Arbeiten vereinigen, an- dererseits Schüler des Realgymnasiums durch eingehendere Lekfüre das Wesen der griechischen Tragödie zu ergründen versuchen. Ganz allge- mein aber sollen diese freien Arbeitsgemein- schaften dem verständlichen Drange unserer ju-— gend entgegenkommen, eigene Wege unter eige- ner Verantwortung zu gehen. Bei der Stoffaus- wahl sind wir an gewisse Vorschriften gebunden. Hier wird völlige Freiheit also nicht immer mög- lich sein. Anders liegt es schon bei der Auswahl der Sondergebiefe oder auch der Lektfüre. Völlig frei geben wir die Arbeitsform. Hier sollen sich die Teilnehmer ausschließlich selbst betätigen. Sie besprechen in ihren ersten Zusammenkünftfen das Ziel und bestimmen die Einzelaufgaben, die ihnen zur Klärung nöõtig erscheinen. jeder ein- zelne wählt oder erhält dann seine Sonderauf- gabe und übernimmt damit die Verpflichtung, durch gründliche Vorarbeit die Klärung bzw. Beantwortung der Gesamtaufgabe zu ermög- lichen.
Aus dem Wesen einer solchen freien Arbeits- gemeinschaft ergibt sich, daß nur der verant- wortungsbewußte, arbeifsfreudige Schiiler einer solchen selbsttätig arbeitenden Gemeinschaft an- gehören darf. Verantwortungsbewußtsein und Arbeitsfreude wird aber naturgemäß bei dem Schüler am stärksten und anhaltendsten vor- handen sein, den es drängt, einmal eigene wissenschaftliche oder künstlerische Arbeit zu leisten, oder der den Wunsch hat, ein vom Klassenunterricht berührtes Wissensgebiet ein- gehender kennen zu lernen. Alle anderen sollfen besser fernbleiben. Sie versagen und stören schließlich Arbeitsfortschriftte und Arbeitsfreude. Auch ein Schüler, der bereits mit der ordnungs- mäßigen Erledigung der fäglichen Aufgaben zu
kämpfen hat, wird es sich überlegen müssen, ob er persönlichen Neigungen nachgehen und in eine Arbeitsgemeinschaft eintreten darf. Der Unterricht geht vor. Er darf unter keinen Um- sfänden leiden. Andererseits aber steht und fällt jede Arbeitsgemeinschaft mit der freiwillig über- nommenen Mehrarbeit.
Hinfer uns liegt heute bereits eine mehrjährige Erfahrung auf diesem pädagogischen Neuland. Nicht bei allen Teilnehmern haben die freien Xr- beitsgemeinschaften die erhofften Früchte gezei- tigt. Individuelle Neigungen verdrängten das ersfe Interesse und untergruben die Willenskraft, sich dauernd der geforderten Arbeitsform zu unferwerfen. Andere waren mit falschen Erwar-— tungen gekommen und sahen Arbeit, wo sie nur Genuß erwarfefen. Im allgemeinen konnten wir durchaus Erfreuliches beobachten. Nicht bloß auf wissenschafflichem, also rein intfellektuellem Gebiet! Erziehliche Kräfte sind lebendig ge- worden, die wertvolles, persönliches Leben zur Entwicklung gebracht haben: Gesundes Kraft- und Selbstgefühl, Freude an geistiger Arbeit, Freude am Wachsen eigenen geistigen Besihes. Der mehr oder weniger formgebundene Unter- richt der Klasse hinterläßt gerade im Schüler der oberen Klassen leicht den Eindruck, daß das be- handelte Pensum weniger ihn als die Schule an- geht, daß er arbeitet, um Klassen- und Endziel zu erreichen. Hier in der freien Arbeitsgemein- schaft, ganz auf sich selbst gestellt, verantwort- lich allein seinen Mitarbeitern und der von ihm gewählten Aufgabe, kommt ihm neben der Ach- tung vor dem Wissen an sich und dem Wunsch nach weiterem Bildungserwerb die wertvolle Er- kenntnis, daß die Schule doch nicht Selbstzweck ist, daß das Ziel seines Strebens und Sichbe- mühens letten Endes— er selbst ist.
OIa und OIb. 1. Philosophische Arbeitsgemein- schaft. Sommersemester: Einführung in die logischen Grundbegriffe. Descartes: Medita- tiones, im besonderen das Problem von Wahrheit und Irrfum. Teilnehmerzahl: 8. Wintersemester: Die philosophischen und historischen Grundlagen des Soialismus. Teilnehmerzahl: 6..
2. Staafsbürgerkundliche Arbeiftsgemeinschaft. Sommersemester: Deutsche Verfassungsge- schichte im 19. jahrhundert. Teilnehmer- zahl: 12.
Wintersemester: Die historischen, sozialen und politischen Grundlagen der Weimarer Verfassung. Teilnehmerzahl: 12.


