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das Turnen den sonstigen Unterricht nicht stört, und wo eine offene Halle, die mit der unter dieser Aula gelegenen geschlossenen Turnhalle in Verbindung steht, es gestatten wird, dass möglichst oft, auch bei regnerischem Wetter, im Freien geturnt werden kann. Die auf dem Turnhof angelegte militärische Hindernis- bahn soll den soldatischen Geist frühzeitig in unseren Jungen wecken und wird ihnen sicher viel Freude machen. Eine besondere Sorgfalt ist auch den Waschräumen gewidmet, die neben der Turngarderobe im Erdgeschoss wie auch auf jedem Flur vorhanden sind. Die Anlage solcher Räume für die Schüler erscheint mir auch vom erzieherischen Standpunkt aus äusserst wertvoll, denn wenn in der Tat, wie Liebig gesagt hat, die Seife ein Masstab ist für die Kultur und den Wohlstand der Staaten, so dürften unsere Schulen, die höheren wie die niederen, hieran gemessen, als Kulturstätten im allgemeinen wohl etwas schlecht abschneiden.
Sicherlich ebenso wichtig wie die erwähnten Einrichtungen hygienischer Art sind diejenigen, die den neuesten Fortschritten der Unterrichtsmethodik Rechnung tragen.
Da sind es vor allem besonders der naturwissenschaftliche und der Zeichenunterricht, denen beim Bau eines Schulgebäudes für eine realistische Vollanstalt ganz besondere Beachtung geschenkt werden muss. Um das Freihandzeichnen stets auf die hierfür allein geeigneten Stunden legen zu können, hat man mit Rücksicht auf die grosse Zahl der Klassen zwei Zeichensäle vorgesehen, deren Fenster nach Norden gelegen sind. Den Fenstern gegenüber hängen an der Wand grosse Tafeln, an denen mehrere Schüler stehend zeichnen können.
In der Methodik des naturwissenschaftlichen Unterrichts hat sich im Laufe der Zeit allmählich eine Wandlung vollzogen. Zwar liegt die Kreidezeit der Physik schon längst hinter uns, d. h. die Zeit, wo physikalische Apparate nur in Abbildungen, günstigenfalls auch in natura vorgezeigt wurden, im übrigen aber der Kreide an der Tafel die Rolle des Lehrmittels zufiel. Aber auch der reine Demonstrationsunterricht, die Unterrichtsweise also, bei der der Lehrer die Versuche anstellt und die zuschauenden Schüler zu Schlüssen und Folgerungen anregt, ist im Begriff, durch eine neue Methode abgelöst oder, besser gesagt, ergänzt zu werden, die von den amerikanischen und englischen Schulen zu uns gedrungen ist und bereits zu einer besonderen Ministerial-Verfügung Anlass gegeben hat. Es sollen hiernach Schülerübungen nicht nur wie bisher wahlfrei in besonderen Stunden stattfinden, sondern überall da, wo es die räumlichen Verhältnisse nur irgendwie gestatten, planmässig mit dem Klassenunterricht verwoben werden. Diese dankenswerte Verfügung erschien noch gerade zu rechter Zeit, um beim Bau dieses Hauses berücksichtigt werden zu können, und so weist das Gebäude für die drei Fächer der Physik, Chemie und Naturkunde ausser einem Lehr-, Vorbereitungs- und Sammlungszimmer noch je einen Raum auf, der für solche Schülerübungen bestimmt ist. Die Arbeits- tische in diesen Räumen sind so gestellt, dass die Schüler sämtlich das Gesicht dem am Lehrtisch stehenden Lehrer zuwenden und ihre UÜbungen paarweise ausführen können.
Auch sonst gilt für den naturwissenschaftlichen Unterricht der Grundsatz, den Schülern möglichst Gelegenheit zu unmittelbarer Beobachtung der Natur zu bieten. Demzufolge ist das Realgymnasium mit Aquarien und Terrarien ausgestattet und besitzt auch drei kleine Schulgärten, in denen die Pflanzen in ihrer natürlichen Umgebung beobachtet werden können. Diese Gärten sollen und können nicht den einzelnen Klassen das erforderliche Pflanzenmaterial von Stunde zu Stunde liefern, und es wäre dankbar zu begrüssen, wenn der Plan, einen allgemeinen Pflanzengarten für alle Schulen der Stadt anzulegen, verwirklicht würde, zumal hierdurch auch der oft beklagten Ausrottung seltener Pflanzen am wirksamsten vorgebeugt werden könnte. Der Naturbeobachtung sollen ferner auch dienen die Aufhängevorrichtung für ein Foucaultsches Pendel im nördlichen Treppenhaus zum Nachweis der Achsendrehung der Erde, die verschiedenen meteorologischen Instrumente, die aber zum Teil noch nicht alle untergebracht werden konnten, und insbesondere der Turm, der das Gebäude krönt; er wird uns auf seiner geräumigen Plattform die Möglichkeit gewähren, die Schüler in die Wunder der Sternenwelt einzuführen und ihnen auch durch unmittelbare Anschauung die Kenntnis ihrer engeren Heimat zu vermitteln. In diese Kette reiht sich nun würdig ein der grosse Projektionsapparat, den wir dem Wohlwollen und der Dankbarkeit der ehemaligen Schüler des Realgymnasiums verdanken, und der es uns gestattet, in allen Unterrichtsfächern den Schülern anschauliche und lebendige Vorstellungen zu übermitteln.
Denn wenn bisher vorzugsweise vom naturwissenschaftlichen Unterricht die Rede war, so ist es darum doch nicht meine Meinung, dass ihm gerade die erste Stelle im Organismus der ÜUnterrichtsfächer gebühre. Ich möchte es vielmehr mit Goethe halten, wenn er sagt:„Das eigentliche Studium der Menschheit ist— der Mensch“. Keineswegs soll die hohe Bedeutung der eigentlichen Geisteswissenschaften für die Bildung unserer Jugend verkannt werden. Aber indem die Naturwissenschaft lehrt, die Gedanken Gottes aus der Schöpfung herauszulesen, indem sie gestattet. dem planvollen Forschen ihrer grossen Männer im Geiste und sogar durch die Tat nachzugehen, nimmt sie an dem Ruhm, eine Geisteswissenschaft ersten Ranges zu sein, teil. Deshalb haben wir am Eingang unseres Treppenhauses die Büsten Goethes und Alexanders von Humboldt aufgestellt, jenes grossen Kenners und Kündigers alles Geistigen im Menschen und seines Zeitgenossen, des genialen Forschers, der der Naturwissenschaft wieder die Richtung auf das eine Ziel wies, den inneren Zu-


