Jahrgang 
1912
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Nunmehr erhob sich der Direktor der Anstalt zu nachstehender Festrede:

Hochansehnliche Festversammlung!

Gefühle des Dankes und der Freude durchziehen heute die Herzen aller derer, die nun aus drang- voller Enge eingezogen sind in diese weiten und lichten Hallen, um darin als Lehrende oder Lernende ihren Pflichten zu obliegen: Helle Freude über den wohlgelungenen Bau, der mit seinen vollendeten Einrichtungen ein frisches und fröhliches Arbeiten fern vom Lärm des Tages ermöglicht, und inniger Dank den städtischen Behörden, die in weitsichtiger Erkenntnis der Bedeutsamkeit der Jugenderziehung und in hochherziger Opfer- willigkeit die nicht geringen Mittel zur Verfügung stellten. Ehre der Stadt, die solche Opfer für ihre Söhne bringt! Meine ernste Sorge soll es sein, dieses Haus, das mir von dem Herrn Oberbürgermeister soeben mit so herzlichen Warten übergeben worden ist, so zu hüten und zu bewahren, dass es jederzeit ein Stolz und eine Zierde der Stadt bleibe und dass seine Räume und Einrichtungen dauernd den Zwecken entsprechen, für die sie geschaffen sind.

Der Dank der Schule gebührt aber auch insbesondere Seiner Majestät dem König und den vor- gesetzten Behörden für die zahlreichen Auszeichnungen, die der Anstalt anlässlich dieser Feier zuteil geworden sind, und wir empfinden es als eine ganz besondere Ehrung, dass Seine Exzellenz der Herr Oberpräsident selbst die Auszeichnungen mit so gütigen Worten verkündet hat. Das Lehrerkollegium wird es stets als eine Ehrenpflicht empfinden, in einmütiger Gesinnung und in treuester Pflichterfüllung die ihm anvertraute Jugend in den Wissenschaften zu unterweisen und zu wahrer Gottesfurcht und echtem Vaterlandssinn zu erziehen..

Freudig bewegt haben mich die Worte, die der Vorsitzende des Vereins ehemaliger Schüler des Realgymnasiums, Herr Direktor Wentzell, an uns richtete. Sind sie doch wie auch das kostbare Geschenk ein Beweis und Unterpfand dafür, dass in den Kreisen der ehemaligen Schüler eine Anhänglichkeit an ihre alte Schule und eine Dankbarksit besteht, wie sie ehrender für die Anstalt und ihre Lehrer nicht gedacht werden kann. Dem Verein gilt daher unser herzlichster Dank.

Mit dem grössten Interesse haben wir auch vernommen, dass Seine Königliche Hoheit Prinz Heinrich von Preussen in Liebe und Dankbarkeit der alten Bildungsstätte gedenkt.

Herzlichster Dank gebührt auch allen, die dabei mitgewirkt haben, diesen Bau zu errichten und ihn seiner Bestimmung gemäss im einzelnen auszuführen, den Baumeistern und ihren Gehilfen, den Künstlern, Handwerkern und Arbeitern. Geradezu vorbildlich kann die Art und Weise genannt werden, wie das Stadt- bauamt, an seiner Spitze Herr Stadtbaurat Höpfner, sich die Mitwirkung der Schule gesichert hat, um ein Werk zu schaffen, das auch den neuen pädagogischen Anforderungen voll gerecht wird. Wenn die neue Schule das Lob in Anspruch nehmen kann, dass sie nicht nach irgend einem Schema gebaut, sondern bis ins Einzelne und Kleine hinein wohl durchdacht und dementsprechend gestaltet ist, so ist dies dem Umstand zu verdanken, dass Bauleitung und Schule Hand in Hand gegangen sind und dass der leitende Architekt, Herr Stadtbaumeister Arnolt, es mit aufopfernder Hingebung verstanden hat, dem Bau nicht nur den Charakter des Würdigen und Schönen, sondern auch den des Eigenartigen und Zweckmässigen aufzuprägen. So ist es mir denn eine besondere Freude, ihm, wie auch nicht zuletzt allen Mitgliedern des Lehrerkollegiums, die mich so bereitwillig und so erfolgreich mit Rat und Tat unterstützt haben, meinen tiefgefühlten Dank auszusprechen..

Wenn ich mir nun gestatte, diesen Worten des Dankes und der Freude noch einige schlichte Bemerkungen folgen zu lassen, so darf ich zu meiner Rechtfertigung wohl sagen, dass sie geeignet sein dürften, das Verständnis für die in diesem Hause getroffenen Einrichtungen zu fördern. Natürlich kann es sich bei der Kürze der Zeit nicht um eine irgendwie eingehende Beschreibung des Gebäudes handeln; nur auf einige Punkte gesundheitlicher und pädagogischer Art möchte ich die Aufmerksamkeit der Fest- versammlung lenken. 3

Da ist zunächst beachtenswert, dass sämtliche Räume auf einer Seite des Flures gelegen sind, so dass wie die Zimmer durch hoch und breit angelegte Fensteröffnungen, so auch die Flure selbst hinreichend Licht und Luft erhalten. Eine Zentralheizung bewirkt eine gleichmässige Erwärmung sämtlicher Räume und wird uns mit Freuden den Staub vermissen lassen, der eine Folge der bisherigen Stein- und Braun- kohlenfeuerung war. Dazu sorgt eine künstliche Lüftung, die frische, im Winter vorgewärmte Luft mit etwas UÜberdruck in die Zimmer hineinpresst, für beständige Erneuerung der verbrauchten Atemluft, wohl die erste Einrichtung dieser Art in einer Casseler Schule. Während man früher die Fenster der Klassen- zimmer mit Vorliebe nach Norden richtete, zeigen sie hier grösstenteils nach Westen, nur einige nach Osten, so dass das Sonnenlicht, dessen keimtötende Kraft man in letzter Zeit immer mehr erkannt hat, die Räume wenigstens wührend eines Teiles des Tages durchfluten kann. Eine im Kellergeschoss gelegene Milchküche soll zur Verabreichung guter, vorgewärmter Milch dienen und den Milch trinkenden Schillern einen etwas

behaglichen Aufenthaltsort bieten. Günstig ist auch die Lage des Turnhofes hinter dem Hauptgebäude, wo