— 12—
tüchern, Seife und dergl., welche Gegenstände von den Schülern selbst beschafft werden, und insbesondere bei der Verwaltung der Milchküche. Gleichzeitig wurde auch mit Rücksicht auf den Umfang der Sammlungen und die mannigfachen, besonders für den naturwissenschaftlichen Unterricht getroffenen Einrichtungen ein besonderer Helferdienst unter den Schülern organisiert, der sich wohl bewährt hat.
5. Einweihung der neuen Schule. Nachdem am Freitag, den 16. Juni, Lehrer und Schüler von dem alten Hause, das 40 Jahre lang dem Realgymnasium ein gastliches Heim gewesen war, mit einer besonderen Andacht Abschied genommen hatten, fand die Einweihung des neuen Gebäudes am folgenden Tage, vormittags 10 ½ Uhr, in der neuen Aula statt. Hierzu hatte der Magistrat der Stadt als Bauherr Einladungen ergehen lassen an die Spitzen der Zivil- und Militärbehörden, die Mitglieder der städtischen Behörden, die Oberbeamten der Stadt, den Vorstand des Vereins ehemaliger Schüler des Realgymnasiums und frühere Lehrer der Anstalt. Der Einladung waren so viele Ehrengäste gefolgt und auch die Teilnahme der Eltern und der früheren Schüler war so gross, dass, obwohl die unteren Klassen an der Feier nicht teilnahmen, doch die Aula und die damit in Verbindung gesetzten Säle bis auf den letzten Platz gefüllt und einschliesslich der Schüler wohl 1100 Personen zugegen waren. Vom Königlichen Provinzial- Schulkollegium waren insbesondere Se. Exzellenz der Herr Oberpräsident der Provinz, der Direktor des Königlichen Provinzial-Schulkollegiums Herr Ober- und Geheimer Regierungsrat Dr. Paehler und Herr Geheimer Regierungs- und Provinzial-Schulrat Dr. Kaiser erschienen. Der Dezernent der Anstalt, Herr Provinzial-Schulrat Kanzow, hatte aus der Ferne Glück- und Segenswünsche übersandt. Leider war auch Se. Königliche Hoheit Prinz Heinrich von Preussen, der im Schul- jahr 1876 der Anstalt als Schüler angehört hatte, durch seine gleichzeitige Reise nach England verhindert, der Einladung Folge zu leisten.
Die Feier begann mit dem„Niederländischen Dankgebet“, das vom Chor unter Leitung des Gesanglehrers der Anstalt und unter Begleitung durch die Orgel wirkungsvoll vorgetragen wurde. Dann betrat Herr Oberbürgermeister Müller das Rednerpult, um mit folgenden Worten die Versammlung zu begrüssen und das Haus seiner Bestimmung zu übergeben:
Hochverehrte Festversammlung!
Meine sehr geehrten Damen und Herren! Es gereicht mir zur besonderen Ehre und Freude, Sie namens des Magistrats heute an dieser Stätte zu begrüssen und herzlich willkommen zu heissen und gleich- zeitig unseren Dank dafür auszudrücken, dass Sie so zahlreich unserer Einladung gefolgt sind. Wir können darin den Beweis erblicken, dass die Eltern der Schüler dem Realgymnasium Interesse entgegenbringen, dass zahlreiche Freunde der Anstalt Treue und Anhänglichkeit bewahren und endlich, dass Reichs- und Staats- behörden der Entwickelung der Stadt ihre gütige Beachtung zuteil werden lassen.
Vierzig Jahre lang hat das Gebäude in der Schomburgstrasse den Zwecken des Realgymnasiums gedient. Es wurde seinerzeit als eine besondere Zierde der Stadt betrachtet und galt ein Zeichen der Opfer- willigkeit der Casseler Bürgerschaft für die Förderung des städtischen Schulwesens. Mit 357 Schülern in 9 Klassen und 12 festangestellten Lehrern wurde damals der Unterricht eröffnet. Aber die Schülerzahl erhöhte sich bald auf 500 und hatte sich nach einem vorübergehenden Rückgang auf 400 eines beständigen Wachstums zu erfreuen, sodass heute 653 Schüler in 19 Klsssen mit 28 Lehrern in das neue Heim einziehen. Für eine solche Schülerzahl war das alte Gebäude nicht geschaffen worden. Schon im Jahre 1904 musste daher der Direktor auf die Notwendigkeit eines Neubaues hinweisen. Da sich der ursprüngliche Gedanke, das neue Gebäude an der alten Stelle zu errichten, als unzweckmässig erwies, wurde ein Neubau an anderer Stelle beschlossen. Nachdem der erforderliche Grund und Boden in der Wilhelmshöher Allee sichergestellt war, erhielt das Stadtbauamt den Auftrag, die erforderlichen Vorarbeiten auszuführen und Skizzen und Pläne anzufertigen. Gerade heute vor zwei Jahren wurden dann von der Stadtverordnetenversammlung die erforderlichen Mittel bewilligt. Im Monat August 1909 wurde mit der Fundamentierung des Gebäudes begonnen, und heute steht es fertig da, ein Schulhaus frei von allem Prunk und Luxus. Bei seiner Erbauung sind lediglich Rücksichten der Zweckmässigkeit massgebend gewesen. Der Bau ist daher in einfachen Formen und Linien gehalten, kann sich aber in seiner Schönheit würdig andern modernen Schulbauten zur Seite stellen. Pflicht ist es daher, für die heutige glückliche Vollendung allen denen Dank auszusprechen, die an dem Bau mitgewirkt haben, so Herrn Stadtbaurat Höpfner, unter dessen Oberleitung die Arbeiten geschahen, dann Herrn Stadtbaumeister


