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auf das Wort unseres Altmeisters Wiese hinweisen:„Tandem bona causa triumphabit.“ Nun heute können wir mit freudigem Stolz sagen: Die gute Sache hat gesiegt. Durch den hoch- herzigen Erlass Seiner Majestät, unseres allergnädigsten Herrn, sind auch die letzten Bedenken hinweggeſegt worden, und gleichwertig und'berechtigt steht das Realgymnasium neben der älteren Schwester da. Möge nun auch der Vorwurf des Utilitarismus und Amerikanismus, der leider auch heute den realistischen Anstalten noch hie und da entgegengeschleudert wird, immer mehr schwinden, denn nur voreingenommene oder schlecht beratene Beurteiler können meinen, dass diese Schulen über der Pflege des Realen das Ideale vernachlässigten, dass ihre Schüler durch die Auswahl und Behandlung der Lehrstoffe verleitet würden, die Kenntnisse nur nach ihrem praktischen Nutzen zu schätzen. Die grosse Zahl von Abiturienten des Realgymnasiums, die sich seit jener Zeit in allen möglichen, zum Teil hervorragenden Lebensstellungen bewährt haben, sollte allein schon jenes Vorurteil verstummen machen. Wer aber diesem Umstande noch keine zwingende Beweiskraft zuerkennen will, könnte doch wohl einsehen, dass der Unter- richtsbetrieb an den Realanstalten wenigstens alles andere als auf den praktischen Nutzen zu- geschnitten ist. Lernen denn etwa unsere Schüler deshalb die modernen Sprachen, um sich im Auslande mit Kellnern und Bedienten leichter verständigen oder gar ihre Kenntnisse in klin- gende Münze umsetzen zu können; oder ist nicht das oberste Ziel auch dieses Unterrichts- zweiges das Eindringen in die formalen Gesetze der Sprache und die Gewinnung eines Ver- ständnisses für die Sitten und Gebräuche, für Kunst und Literatur und Lebensanschauungen, mit einem Worte für die Kultur des Nachbarvolkes, die ja doch auch die ewig wertvollen geistigen Errungenschaften des klassischen Altertums in sich aufgenommen? Oder führen wir deshalb den Schüler in die Kenntnis der elektrischen Maschinen ein, um ihm den Weg als Techniker zu ebnen? Ist es nicht vielmehr die Geistesarbeit, die in der Erfindung jener Ma- schinen zutage tritt, die wir ihn nachdenken und nachempfinden lassen wollen. So bin ich denn überhaupt der Neinung, dass die Naturwissenschaften zugleich Geisteswissenschaften sind, Wissen- schaften vom Menschengeist, der mit selbstgeschaffenen Methoden alle Natur zu durchdringen und ihre Geheimnisse zu erforschen sucht. Und wenn die Naturwissenschaften im Verein mit der Ma- thematik in der Tat die in der Form vollendetsten Wissenschaften sind, so ergibt sich die Mög- lichkeit einer Vertiefung des Unterrichts, wie sie an humanistischem Wert von keinem anderen Unterrichtsgegenstande übertroffen wird. Doch das möchte ich an einem einfachen, auch den älteren Schülern verständlichen Beispiel näher erläutern.
Unsere Schüler lernen— leider viel zu früh—, dass nicht die Gestirne des Himmels sich um die Erde drehen, vielmehr die Erde um ihre Achse und mit den Planeten um die Sonne, dass also die täglich zu machende Wahrnehmung nur Schein, nicht Wirklichkeit ist. Ich sagte absichtlich: leider viel zu früh, denn auf jener Stufe kann dies Wissen fast nur ein reines Wort- wissen sein und gehört jenem toten Ballast von Kenntnissen an, der nicht innerlich verarbeitet nur zu dünkelhafter Einbildung und zur Vernachlâssigung der treuen Beobachtung des den Sinnen Gegebenen führt. Erst wenn es möglich ist, aus den Beobachtungen selbst jene Wirk- lichkeit folgerichtig zu erschliessen und aus dieser rückwarts die täglichen Wahrnehmungen ab- zuleiten, erhebt sich die Erkenntnis zu einem Grade, der dem Bildungsziel der höheren Schule entspricht. Aber auch über diesen Standpunkt, wie ihn die Gesetze des Kopernikus und des Kepler darstellen, kann der Unterricht noch hinausgehen, indem getreu dem geschichtlichen Werdegang der Wissenschaft die Schüler die Geistestat Newtons, der in der Gravitationskratt die Ursache für die Bewegungen der Planeten erkannte, würdigen lernen und indem die Ver- suche von Kant und Laplace, die Entwickelung des Weltalls aus einfachen Urzuständen zu erklären, an ihrem geistigen Auge vorüberziehen. Und wenn dann zum Schluss die klare Ein-


