Jahrgang 
1905
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Bildung, wie sie als Grundlage für die späâtere mehr selbständige Entwickelung der Persönlich- keit und für die höheren Berufsstudien notwendig erscheint. Das hierfür geprägte und früher viel gebrauchte Wortallgemeine Bildung, das doch nur den Gegensatz zu der eigentlichen Berufsbildung bezeichnen sollte, ist in neuerer Zeit etwas entwertet worden, weil man mit ihm den Nebensinn eines toten Ballastes von allen möglichen Kenntnissen verband. Darin besteht natürlich nicht die wahreallgemeine Bildung. Kenntnisse, die dem Geiste nur auſgenötigt worden sind, die keine innere Verarbeitung erfahren und an dem Ausbau der Persönlichkeit des Ler- nenden nicht mitschaffend gewirkt haben, machen noch keine Bildung aus, ja wirken eher noch als ein Hemmschuh für eine natürliche Entwickelung.

Mit den Kenntnissen und ihrem Erwerb verhält es sich eben in mancher Beziehung ähn- lich wie mit der Ernährung und dem Wachstum des menschlichen Körpers; denn auch hier werden die aufgenommenen Nahrungsstoffe nicht irgendwo als eine leblose Masse aufgespeichert, vielmehr durch und durch verarbeitet und den vorhandenen Bestandteilen des Leibes angeglichen, so dass sie nun wie diese und im Verein mit ihnen befähigt werden, das den Körper durchflutende Leben zu erhalten und neu zu gestalten. Und so erblicke ich mit einem bekannten Philosophen der Gegenwart das wahre Wesen der Bildung nicht in dem blossen Besitz von Kenntnissen, son- dern in dem Besitzlebendiger Kräfte des Erkennens und Wirkens, worin sich das innere Leben betätigt.

Auch nach einer anderen Richtung hin erfährt der Begriff der Bildung leicht eine Ver- schiebung. Was dem Schüler wie dem erwachsenen Laien im Schulbetrieb in erster Linie auf- fällt und was auch in den Prüfungen und auf den Zeugnissen die Hauptrolle spielt, das ist die Schulung des Verstandes, wie sie den Gegenstand der meisten Unterrichtsfächer bildet; und so ist es kein Wunder, dass man geneigt ist, die Bildung eines Menschen nach dem Mass seiner intellektuellen Kenntnisse und Fertigkeiten zu beurteilen. Damit wird aber dem Bildungsbegriff Gewalt angetan und der Vielseitigkeit menschlichen Seelenlebens nicht Rechnung getragen. Denn würde man in der Tat einen an Kenntnissen und Anlagen reichen Menschen wahrhaft gebildet nennen, der sich etwa seiner einfachen Eltern schämt oder seinen Jähzorn nicht zu meistern versteht oder Zeit und Geld beim Spiel oder in schlechter Gesellschaft vergeudet? Es muss sich also mit der Bildung des Geistes noch die des Gemüts und des Wil- lens vereinen. Und diese Aufgabe erfüllt nicht etwa nur der Religionsunterricht, der Gottes- furcht und Nächstenliebe in den jugendlichen Seelen wecken will, oder der Unterricht in der Muttersprache und in der Geschichte, der die Liebe zur Heimat und zum Vaterlande heben und kräftigen soll. Die Pflege der sogenannten Schülertugenden, insbesondere die Erziehung zu Gehorsam und Wahrhaftigkeit begleitet jeglichen Unterricht und soll um wiederum einen Vergleich aus der organischen Natur heranzuziehen dem Schüler auf sittlichem Gebiet eine natürliche Zielstrebigkeit verleihen, wie sie den Lebewesen in ihrer Entwickelung zur endgülti- gen Form eignet. Nicht umsonst sind Sittlichkeit und Sitte Wörter desselben Stammes, und die Gewöhnung an gute Sitte ist die Grundlage, auf der sich der Charakter aufbauen muss. Schliessen wir nun noch die körperliche Ausbildung, wie wir sie durch turnerische UÜbungen er- zielen wollen, und die Pflege der Zeichen- und Gesangeskunst in den Kreis der einer höheren Schule gestellten Aufgaben ein, so können wir als das oberste Ziel die harmonische Aus- gestaltung aller Kräfte des Leibes und der Seele erkennen, soweit sie sich innerhalb des Rahmens der Schulerziehung überhaupt ermöglichen lässt.

Dass die drei Gattungen unserer höheren Schulen diesem gleichen Ziel, wenn auch auf verschiedenen Wegen, zustreben, ist nicht immer klar erkannt worden. Als vor nunmehr 20 Jahren mein Vorgänger im Amt von dieser selben Stelle aus in seiner Antrittsrede sich über die Aufgabe und die damalige Lage der Realgymnasien verbreitete, da konnte er nur hoffend